Glaube4 - Münze+Sand

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Der Raum des Glaubens

Teil 4

Als nächstes gehen Nico und Marc gleich zur nächsten Erzählung rechts von ihnen. Die Erzählung trägt den Titel: Die Kupfermünze.



Die Kupfermünze



Einmal habe ich eine Zeitlang in China gelebt.  Ich war im Frühling in Shanghai angekommen und die Hitze war mörderisch.  Die Kanäle stanken zum Himmel, und immer war der ranzige, üble Geruch von Sojabohnenöl in der Luft.  Ich konnte und konnte mich nicht eingewöhnen.  Neben Wolkenkratzern lagen Lehmhütten, vor denen nackte Kinder im Schmutz spielten.  Nachts zirpten die Zikaden im Garten und ließen mich nicht schlafen.  Im Herbst kam der Taifun, und der Regen stand wie eine gläserne Wand vor den Fenstern.  Ich hatte Heimweh nach Europa.  Da war niemand, mit dem ich befreundet war und der sich darum kümmerte, wie mir zumute war.  Ich kam mir ganz verloren vor in diesem Meer von fremden gelben Gesichtern.  Und dann kam Weihnachten.  Ich wohnte bei Europäern, die chinesische Diener hatten.  Der oberste von ihnen war der Koch, Ta-tse-fu, der große Herr der Küche.  Er sprach ein wenig deutsch und war der Dolmetscher zwischen mir und dem Zimmer-Kuli, dem Ofen-Kuli, dem Wäsche-Kuli und was es da eben sonst noch an Dienerschaft im Haus gab. Am Heiligen Abend, und ich saß wieder einmal verheult in meinem Zimmer, überreichte mir der Ta-tse-fu ein Geschenk.



Es war eine chinesische Kupfermünze mit einem Loch in der Mitte, und durch das Loch waren viele bunte Wollfäden gezogen und dann zu einem Zopf zusammen geflochten. „Ein sehr altes Münze“, sagte der Koch feierlich. „Und die Wollfäden gehört auch dir, Wollfäden sind von mir und meine Frau und von Zimmer-Kuli und sein Schwester und von Eltern und Brüder von Ofen-Kuli - von uns allen sind die Wollfäden.“ Ich bedankte mich sehr.  Es war ein merkwürdiges Geschenk - und noch viel merkwürdiger, als ich zuerst dachte.  Denn als ich die Münze mit ihrem bunten Wollzopf einem Bekannten zeigte, der seit Jahrzehnten in China lebte, erklärte er mir, was es damit für eine Bewandtnis hatte: jeder Wollfaden war eine Stunde des Glücks.  Der Koch war zu seinen Freunden gegangen und hatte sie gefragt: „Willst du von dem Glück, das dir für dein Leben vorausbestimmt ist, eine Stunde des Glücks abtreten?“ Und Ofen-Kuli und Zimmer-Kuli und Wäsche-Kuli und ihre Verwandten hatten für mich, für die fremde Europäerin, einen Wollfaden gegeben, als Zeichen, dass sie mir von ihrem eigenen Glück eine Stunde des Glücks schenkten. 


Es war ein großes Opfer, das sie brachten.  Denn wenn sie auch bereit waren, auf eine Stunde ihres Glücks zu meinen Gunsten zu verzichten - es lag nicht in ihrer Macht, zu bestimmen, welche Stunde aus ihrem Leben es sein würde.  Das Schicksal würde entscheiden, ob sie die Glücksstunde abtraten, in der ihnen ein reicher Verwandter sein Hab und Gut verschrieben hätte, oder ob es nur eine der vielen Stunden sein würde, in der sie glücklich bei Reiswein saßen; ob sie die Glücksstunde wegschenkten, in der das Auto, das sie sonst überfahren hätte, noch rechtzeitig bremste - oder die Stunde, in der das junge Mädchen vermählt worden wäre.

Blindlings und doch mit weit offenen Augen machten sie mir, der Fremden, einen Teil ihres Lebens zum Geschenk.

Nun ja, die Chinesen sind abergläubisch.  Aber ich habe nie wieder ein Weihnachtsgeschenk bekommen, das sich mit diesem hätte vergleichen lassen.  Von diesem Tag an habe ich mich in China zu Hause gefühlt.  Und die Münze mit dem bunten Wollzopf hat mich jahrelang begleitet.

Eines Tages lernte ich jemanden kennen, der war noch übler dran als ich damals in Shanghai.  Und da habe ich einen Wollfaden genommen, ihn zu den andern Fäden dazugeknüpft - und habe die Münze weitergegeben.(R)


„Ein Glück. So schlimmes Heimweh habe ich noch nie gehabt.“ Nico atmet tief durch. -- Er kennt das aber trotzdem, wie es ist, wenn es einem ganz, ganz schlecht geht. Er kann nach empfinden, dass die Kupfermünze mit den Wollfäden ein riesengroßer Trost war am Heiligen Abend.

„Nur dass man eine Stunde seines Lebens verschenken kann, das glaube ich nie und nimmer. Das ist echt unsinnig“, sagt Marc. „Und trotzdem, wenn mir solch ein Geschenk gemacht würde, fände ich es auch toll. Das gibt doch wirklich Mut und Hoffnung, dass alles besser wird.“

Während die Beiden über die Geschichte gesprochen haben, ist ihnen das Mobileteil zugeweht worden, das sie suchen. Es stimmt: Die Geschichte passt gut zu genau dieser Aussage.





Also tragen sie den Buchstaben „R“ in ihr Lösungsblatt ein.

„Ich habe gar nicht daran gedacht, dass diese Erzählung auch etwas mit Gott zu tun hat,“ sagt Marc erstaunt. „Da muss ich echt mal darüber nachdenken, ob hier Gott vielleicht wirklich seine Hand im Spiel gehabt hat.“


Katharina und Mira stehen zur gleichen Zeit vor einem Bild, das irgendjemand wohl von seinem Urlaub an der See mitgebracht hat. Sie sehen zwei Handabdrücke im Sand und unter dem Bild steht ein kurzer Text:



 









Aus Japan

aus Holland

aus Ghana


Kinder drücken beim Spielen

ihre Hände in Lehm.


Nun geh hin und sag,

welche Hand ist von wem?


C



 

„In der Tat“, meint Mira, „nicht zu erkennen, aus was für einem Volk die Menschen kommen, deren Handabdrücke wir hier sehen.“ „Und ob die Hände von Mädchen oder von Jungen stammen, ist auch unmöglich zu sagen“, ergänzt Katharina.

Die beiden Mädchen schauen sich an. Sie haben denselben Gedanken: „Hier ist der Beweis! Alle Menschen gehören in eine einzige große Familie. Alles, was wirklich wichtig ist am Menschen gleicht sich. Und die Unterschiede im Aussehen gehören zum Nebensächlichen.“ Mira lacht mit einem Mal laut auf. „Ich habe mir gerade überlegt, dass das ja auch für die Menschenpos gilt. Egal, wer sich in den Sand setzt, danach weiß man nur: Es war ein Mensch und kein Elefant oder ein Nilpferd.“ „Ja,“ antwortet Katharina: „Wir Menschen sind alle gleich viel wert, auch wenn es für unsere Augen so aussieht, als seien da große Unterschiede.“

Die Beiden wenden sich nun gemeinsam dem Mobile zu. Ihr Blick streift an den Ästen entlang. Sie suchen einen bestimmten Zweig. Als sie ihn entdeckt haben, notieren sie im Lösungswort an der richtigen Stelle den Buchstaben ‚C’.