Glaube3 - Müll+Suppe

Lebensträume  --  Glaubensräume   //   Das Glaubenshaus

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Der Raum des Glaubens

Teil 3

Mira und Katharina haben die Aussagen auf den Zweigen des Mobiles genau gelesen. Nun gehen sie zur rechten Wand und Katharina liest leise, um die anderen im Raum nicht zu stören, den ersten Text vor. Er hat die Überschrift: Jeden Tag ein wenig



Jeden Tag ein wenig


Wenn er an der Endstation ankommt, hat John Singer vier Mal am Tag sieben Minuten Pause. Danach muss er mit seiner Straßenbahn die Rückfahrt in die Innenstadt antreten.

Die Endstation liegt am Rande der Großstadt in der Mitte eines großen Platzes --- dort, wo die ärmeren Leute aussteigen, um dann zu Fuß ihre Wohnungen  anzusteuern.

Niemand kümmert sich hier um Ordnung und Sauberkeit. Es ist Monate her, dass sich mal ein Kehrwagen in diese Gegend verirrt hat. Überall auf dem Platz wächst Unkraut zwischen den Pflastersteinen hervor. Der Wind weht herum liegenden Abfall zu kleinen Haufen zusammen. Büsche, die vor langer Zeit zur Verschönerung gepflanzt wurden, sind nun undurchdringliches Gestrüpp. Es riecht unangenehm auf dem Platz und insbesondere in der Nähe der Büsche.


Eines Tages beschließt der Straßenbahnfahrer John Singer, seine sieben Minuten lange Pause zu nutzen, damit der verschmutzte Platz ihn nicht länger ärgert.

Sieben Minuten sind wenig Zeit. Aber schon am nächsten Tag schleppt John fünf Plastiktüten mit leeren Flaschen und alten Zeitungen weg, die er unter den Büschen hervorgeholt hat. Bald hat er Geräte dabei, die man so braucht: Besen, Eimer, Gärtnerhandschuhe, Hacke, Heckenschere und so fort.

Sieben Minuten sind wenig Zeit. Doch der vermüllte Platz verändert sich nach und nach. Und als John nach einiger Zeit einen Papierkorb organisiert und aufstellt, da werfen nur noch wenige Leute ihren Abfall einfach so gedankenlos auf die Straße. 

Der Platz, der eine Schande für die Augen gewesen war, verwandelt sich langsam in einen kleinen Park.

Nur wenn mal ganz fieses Schmuddelwetter ist, arbeitet John nicht. Dann sitzt er in seiner Straßenbahn und freut sich über das Grüne, das dort wächst.

Demnächst wird er in der Nähe der Büsche einen Sandkasten aufbauen. Er hat ihn bei Nachbarn organisiert, deren Kinder nun groß sind. Und dann werden an Sonnentagen dort drüben Mädchen und Buben spielen.                  (H)



„Klasse!“ sagen Katharina und Mira wie aus einem Mund. „Der hätte ja auch faul herum sitzen können“, meint Mira. „Aber nein, er nutzt seine paar Minuten und vielen Leuten wird ein kleiner Park geschenkt.“  „Und er selbst freut sich bestimmt auch ganz schön, dass er seine Pause nun nicht mehr auf einem Müllplatz verbringen muss“, ergänzt Katharina.

Es ist klar. Bei diesem Text geht es um die Schönheit unserer Welt, in der auch etwas von Gottes Schönheit sichtbar wird. Der Buchstabe ‚H’ ist schnell an der richtigen Stelle eingetragen.








Währenddessen sind Marc und Nico dabei, ihren ersten Text zu lesen.


 

Suppenfleisch


Komm, Nele, setz dich zu mir. Ich will dir eine Geschichte von damals erzählen, als deine Oma noch jung und ich ein Baby war.

Das war die Zeit nach dem Krieg. Abends gingen viele Eltern schlafen und sie wussten oft nicht, wie sie ihre Kinder am nächsten Tag satt kriegen sollten.

Eine böse Zeit!

Also, ich bin in jenen Tagen bereits auf der Welt. Ich bin der dritte Kindermagen, der darauf wartet von den Eltern gefüllt zu werden.

Wenn die Mutter den Tisch deckt, wenn sie von unterwegs zurückkommt,  --  Kinderaugen schauen hin  --  immer wieder erwartungsvoll, immer wieder enttäuscht.


Damals gibt es Gutes und weniger Gutes in unserem Familienleben: Schlimm ist es, dass unsere Familie ihre Heimat, ihr Zuhause verloren hat. Wir leben in einem einzigen, kleinen Zimmer. Es ist Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer  --  alles in einem. Und das Klo ist draußen im kalten Treppenhaus, ein halbes Stockwerk tiefer.

Wir leben ohne Freunde unter fremden Leuten  --  keine Verwandten, keine Bekannten in der Nähe. Und alles, was deine Großeltern vor dem Krieg besaßen, ist für immer verloren. Unsere Familie ist arm. Sie lebt von dem, was der Vater täglich verdient.

Phantastisch ist es auf der anderen Seite, dass mein Vater, dein Opa, aus der Kriegsgefangenschaft bereits zurück ist. In vielen anderen Familien wartet man noch auf den Vater. Oder man lebt sogar mit dem Wissen, dass der Vater nie mehr zurückkommen wird, weil der Krieg ihn gemordet hat. Dein Opa aber, Nele,  --  er ist zurück und er hat sogar Arbeit gefunden, so dass wir leben können. Toll.


Ich könnte mir vorstellen, es war ein Donnerstag. Aber das ist nicht wichtig, welcher Wochentag es genau war. Es war ein Tag wie viele andere: ein armer Tag und ein friedlicher Tag, ein Tag ohne Bomben, ohne Gewalt.

Als es an der Tür des Zimmers klopft, geht es schon auf den Mittag zu. Deine Oma öffnet. Draußen steht die Hausbesitzerin. Man sieht ihrer fülligen Figur an, dass auf ihrem Tisch weder Wurst noch Käse fehlen. Sie hat, was man zum Leben braucht. Und von allem noch ein wenig mehr als nötig.

Die Mutter bittet die Vermieterin herein. Sie hat ein Päckchen dabei, eingewickelt in Zeitungspapier. Sie legt es auf den Küchentisch und packt es langsam und umständlich aus.

Suppenfleisch.  --  Die Mutter, die Augenpaare der Kinder  --  sie sehen dieses Wunder: ein richtiges, gutes Stück Suppenfleisch.


Als die Hausbesitzerin gegangen ist, steht die Mutter noch lange staunend davor. Fast hat sie Tränen in den Augen. Und sie hatte die Frau für geizig gehalten. Nun denkt sie anders über sie.

Die Mutter macht sich daran, das Fleisch zuzubereiten. Der Vater wird in knapp zwei Stunden zum Essen kommen. Richtiges Fleisch  --  welch ein Festtag. Welche Überraschung! Als das Wasser kocht, gibt sie das Fleisch hinein und etwas Reis, Sellerie und zwei Mohrrüben dazu.

Die Kinder beobachten die Mutter. Hungrige Augen und hungrige Mägen freuen sich darauf, satt zu werden.

Nun ist alles soweit. Nur der Vater fehlt noch.  --  Die Treppe knarrt. Es klopft an der Tür. --  Die Vermieterin steht auf der Schwelle. Sie hat einen Teller in der Hand.

„Besuch ist gekommen,“ so sagt sie.  --  „Der Besuch hat sich nicht angemeldet,“ sagt sie. „Es fehlt jetzt etwas auf dem Tisch,“ sagt sie. „Das Fleisch fehlt!“ so sagt sie. „Sie will es zurück haben.“

Die Hausbesitzerin geht zum Kochtopf. Sie holt mit einer Gabel das Suppenfleisch heraus. Nun liegt es auf dem Teller. Und dann ist sie wieder gegangen, denn Besuch darf man ja nicht warten lassen.


Deine Oma bleibt zurück  --  sie weint.

Und wir Kinder?  --  Glücklicherweise war ich damals zu klein. So habe ich das alles nicht richtig begriffen. (P)



Marc und Nico sind getroffen. Das ist doch eine blöde Welt, in der Menschen nur daran denken, dass es ihnen selbst gut geht. „Hoffentlich ist der Hauswirtin das Suppenfleisch im Hals stecken geblieben!“ schimpft Marc. „Das darf doch nicht wahr sein, so egoistisch wie die ist.“ „ Na komm runter,“ entgegnet Nico. „Wir wissen doch, dass es oft mehr Böses in der Welt gibt als Gutes.  --  Aber, was hat denn die Erzählung mit Gott zu tun?“ „Gute Frage“, antwortet Marc. „Gott fehlt hier völlig. Wenigstens für die Kinder hätte er etwas tun müssen  --  Oder?“ Diese Worte von Marc bringen Nico auf eine Idee: „Die Erzählung sagt also: Manchmal siegt das Böse in der Welt und das Gute ist ohne jede Chance.“

Die Beiden spüren, das ist der richtige Gedanke. Sie suchen beim Mobile den Ast, an dem diese Aussage in ähnlichen Worten baumelt. Als sie ihn gefunden haben, merken sie sich die Zahl und tragen dort den Buchstaben ‚P’ in das Lösungswort ein.