Afrika beschenkt Gott



Afrika beschenkt Gott



I


Afrika …

Afrika ist nicht nur arm, hungrig und durstig.

Afrika ist auch ein reicher Kontinent, reich an Musik, reich an Tieren, Pflanzen und wunderbaren Landschaften.

Afrika ist vor allem auch reich an Hoffnung und Gottvertrauen.


In Afrika leben viele, viele Moslems und vielleicht eben so viele Christen. Und dort leben Millionen Menschen, die zu anderen Religionen gehören.


Sie alle glauben gemeinsam daran, dass es mehr gibt als das, was wir sehen oder hören und anfassen können.


Diese Geschichte, die ich euch nacherzähle, habe ich selbst in Afrika gehört. Sie gibt uns einen guten Einblick, wie in Afrika an Gott geglaubt und wie dort von Gott gesprochen wird.



II


Ein Mann hatte eine Tochter. Sie war noch sehr klein, da wurde sie krank. Der Vater betete zu seinem Gott und er versprach ihm, er wollte ihm das Wertvollste schenken, das er besaß, wenn die Tochter wieder gesund würde.


Wie glücklich war der Mann, als sein Mädchen gesund aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Wieder zu Hause angekommen, wurden die beiden von der Mutter und den Nachbarinnen freudig begrüßt.


Der Vater aber dachte nun viele Tage über sein Versprechen nach, das er Gott gegeben hatte. Das Wertvollste wollte er ihm geben, aber der Vater war arm.

Er besaß keine Rinder, nicht ein einziges.

Ihm gehörte kein Esel, kein einziger.

Und Ziegen – Ziegen? Wie glücklich wäre die Familie gewesen, wenn sie nur eine besessen hätte.

Und noch nicht einmal ein einziges Schaf in der Herde des Dorfes gehörte ihm.


Ein Tier besaß die Familie   ---   ein einziges kleines Lämmchen. Und das war der Liebling der kleinen Tochter.

Sollte er dieses Lämmchen Gott bringen?


Der Vater war sehr unsicher, aber dann entschloss er sich doch schweren Herzens sein Versprechen zu erfüllen, so wie er es gegeben hatte.

Er nahm das Lamm. Seine Tochter war sehr traurig.

Er nahm Abschied von Frau und Kind.


Der Mann machte sich auf den Weg zu Gott. Gott, so glaubte er, ihn kann der Mensch dort treffen, wo sich Erde und Himmel begegnen.

So durchquerte der Vater Afrika.  --  Er begegnete vielen Tieren, er sah viele merkwürdige Pflanzen und er kam durch Landschaften, die ihm ganz fremd waren.




III


Viel Zeit war vergangen. Die Sonne war viele Male unter–  und der Mond war viele Male aufgegangen, da kam der Mann endlich dorthin, wo sich Himmel und Erde begegnen. Und dort traf er Gott.


„Gott,“ so sagte der Mann. „Gott, ich bringe dir dieses Lamm als Geschenk, denn ich bin so dankbar. Mein Kind ist damals im Krankenhaus nicht gestorben. Du hast Gesundheit gegeben. Nun erfülle ich mein Versprechen.“


Ihr könnt euch vorstellen, wie erschrocken der Mann war, als Gott überhaupt nicht freundlich reagierte. Verärgert blickte er auf den Mann und dann sprach er:

„Solche Geschenke mag ich nicht. Bist du verrückt geworden? Du nimmst deinem Mädchen das Liebste, was es hat, und bringst es mir?!   Und daran soll ich mich freuen?  –  Nein! Nimm es wieder mit. Lass dir etwas Besseres einfallen und dann komm wieder. Aber schenk mir nichts, womit du anderen weh tust.“


Der Mann kehrte um. Sein Weg führte ihn am Meer entlang zurück. Zum ersten Mal im Leben sah er so viel Wasser. Aber seine Gedanken waren gar nicht hier. Immer nur dachte er an Gottes Worte.

„Lass dir etwas Besseres einfallen!“  Diese Worte – sie brannten in seinem Herzen. Und so sah er die Tiere und die Dünen und die Pflanzen, die hier wuchsen, nur mit halbem Blick.

“Lass dir etwas Besseres einfallen!  --  Bist du verrückt, deinem Kind das Liebste wegzunehmen, um es mir zu schenken!“  ---   „Lass dir etwas einfallen!“


In dem Mann hallten die Worte Gottes nach, bis er zurück in sein Dorf kam.


Seine Frau und sein Kind warteten voller Sehnsucht. Und als das Mädchen das Lamm sah, da lief es lachend dem Vater entgegen. Das war wie ein Wunder, wie ein Fest. Endlich konnte es wieder glücklich sein.



IV


Unsere Geschichte ist damit aber noch nicht zu Ende, denn der Mann erzählte natürlich seiner Frau und den Nachbarinnen und den Nachbarn und dem ganzen Dorf, was er erlebt hatte.

Und nun begannen alle darüber zu debattieren, was man Gott schenken könnte:


Die Frauen bei der Arbeit.

Die Männer, wenn sie zusammen saßen.

Die Schulkinder in der Schule  ---

Egal wo, überall ging es darum: Was könnte man Gott schenken.

Natürlich dachten auch die Menschen in den Gottesdiensten nach. In der Kirche, in der Moschee – es gab nur dieses eine Thema: Was kann man Gott schenken, worüber er sich wirklich freut.


Ein kleines Mädchen war es dann, das hatte die richtige Idee. Eine Idee, von der alle anderen begeistert waren.

Und so geschah es. Einige Wochen später war der Mann wieder unterwegs.


Dieses Mal trug er nicht ein Lamm auf seiner Schulter. Dieses Mal hatte er lediglich ein kleines Bastkörbchen bei sich. Das Körbchen war ganz leicht, so als sei gar nichts darin. Aber dennoch, es enthielt Geschenke für Gott. Viele Geschenke – viele Geschenke von vielen Dorfbewohnern. Das ganze Dorf hatte sich an dieser Aktion beteiligt.



V


Auch dieses Mal sah der Mann am Wegesrand viele fremde Blumen. Er begegnete den Tieren Afrikas und er sah neue Landschaften, wunderschön – von Gott erschaffen.


Wieder ging die Sonne viele Male unter.

Der Mond stieg unzählige Male am Himmel empor.

Endlich erreichte der Mann ganz hinten den Horizont -- den Ort, wo Himmel und Erde sich begegnen. Gott wartete bereits.


„Hier,“ sagte der Mann. „Hier für dich. Unser Geschenk von unserem ganzen Dorf.“  Und damit überreichte er Gott das Bastkörbchen.

Gott öffnete den Korb. Er fand Zettel darin  –  kleine, kurze Briefe.


Auf dem ersten stand: „Gott, ich bin eine alte Frau. Ich möchte sterben, das Leben ist so schwer geworden. Ich schenke dir meine Schmerzen und meine Müdigkeit.“


Auf einem anderen Zettel stand: „Gott, ich bin ein Schulkind. Ich freue mich, dass ich Rechnen und Lesen lernen darf. Ich schenke dir meine Freude.“


Gott las einen weiteren Zettel: „Gott, ich habe Angst vor der Dunkelheit und vor Spinnen. Die Leute lachen mich aus, weil ich groß und stark aussehe. Aber innen drin habe ich doch Angst. Ich schenke dir meine Angst.“


Viele solche Zettel las Gott. Dieses Geschenk gefiel ihm gut.

Und Gott schickte den Mann zurück in sein Dorf. Er beauftragte ihn, alle Menschen dort zu grüßen – die Frauen, die Kinder und die Männer. Und Gott wünschte dem Dorf seinen Frieden.


Der Rückweg war für den Mann ganz kurz. Die Zeit flog dahin. Dem Mann war es, als würde er Afrika mit ganz neuen Augen sehen. So erleichtert war er, so ohne Sorgen, so voller Freude.

Frieden war bei dem Mann eingekehrt.



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