Auf den Spuren Jesu III

Eine Studienreise durch Israel  --  Wissen der Geschichtswissenschaft über Jesus


Auf den Spuren Jesu  III

 

Siesta. Wir sitzen zu dritt auf einer Dachterrasse im arabischen Viertel in der Altstadt Jerusalems. Kein Wölkchen am Himmel. Ein Weinstock gibt uns Schatten. Ich trinke Tee mit frischen Pfefferminzblättern und viel Zucker. Pia und Wilfried haben eine eiskalte Cola vor sich. Zum Fladenbrot esse ich einen Salat mit Schafskäse.

Siesta. – Mittagspause. Man muss hier sein, um zu verstehen, dass jetzt alles ruht und niemand arbeitet. In dieser Hitze geht es nicht anders. Man muss bis in den frühen Nachmittag hinein Siesta halten. Und dann ab Drei oder Vier – dann kann man sich wieder bewegen, wieder denken, wieder leben.

Bossi kommt mir in den Sinn. Einer seiner Lieblingsgedanken ist der, dass das Wertvollste, das die Menschheit besitzt, durch den jüdischen Glauben in die Welt kam: der Sonntag, das Ausruhen, die Siesta. Momentan stimme ich da mit Bossi voll überein. Es gibt nichts Besseres als in der Hitze auszuruhen und abzuwarten, bis die Lebensenergie in den Körper zurückkehrt.

Die Bibel erzählt, sogar Gott ist davon nicht ausgenommen. Nach dem Kraftakt der Schöpfung der Welt hat auch Gott am siebten Tag geruht. Und auf diesem Weg entstand der Sonntag, als Ruhetag für alle Menschen ohne Ausnahme --  ein Ruhetag sogar für das Vieh.


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Pia unterbricht unser Dahindösen. Sie ist mit ihren Gedanken bei dem Referat, das wir am Vormittag gehört haben. Paul hatte uns zu einer Ausgrabungsstätte in der Nähe des Tempelberges geführt: zum Teich Bethesda. Dort las er einen Text aus dem fünften Kapitel des Johannes - Evangeliums vor, wie Jesus dort an diesem Teich einen Kranken geheilt hat. Damit war Paul mitten drin gewesen in seinem Thema: Jesus, der Wundertäter.


Pia will wissen, ob wir das für möglich halten, dass Jesus Kranke geheilt hat. „Nein,“ sagt Wilfried mit Nachdruck. „Nein, das ist Bullshit! Das ist Wunschdenken, dass jemand einem, der echt krank ist, die Hand auflegt, und schon ist der gesund.“ --  „Aber das hat ja Paul so nie gesagt,“ meint Pia, „dass Jesus solch ein Wundertäter gewesen ist.“


Ausgrabung des Teiches 'Bethesda'

“Genau,“ stimme ich Pia zu. „Paul hat mehrmals die Worte benutzt: Im Zusammenhang mit Jesus …   Im Zusammenhang mit Jesus sind Menschen gesund geworden. Er hat nie gesagt, dass Jesus wie ein Zauberer oder Heiler jemanden gesund machen konnte.“ Pia sagt, sie könne das schon glauben, dass damals Leute geheilt wurden. Nicht etwa, weil Jesus „Akrakadabra“ gesagt hat oder irgendein anderes Zauberwort kannte, sondern weil sich tief im Inneren der Kranken irgend etwas verändert hat.“  --  Wilfried greift Pias Worte spöttisch und aggressiv auf: „Im Zusammenhang mit Jesus tankten die Kranken soviel Kraft, dass Gelähmte ihre Krücken wegwarfen und Blinde zu Hellsehern wurden. ---  Haha, wer das glaubt, wird selig.“

Damit ist das Gespräch zu Ende. Es wäre zu anstrengend, sich jetzt hier in der Mittagshitze über der Frage zu fetzen, ob ein starker Glaube Dinge möglich macht, die sonst im Normafall nicht geschehen. 


Während Pia und Wilfried ihren eigenen Gedanken nachhängen, gehen mir noch einmal Pauls Worte durch den Kopf, die er mehrfach wiederholt hatte: „Im Zusammenhang mit Jesus“. Irgendwie war es ihm besonders wichtig gewesen, zu betonen, dass es nach Aussage der Historiker Krankenheilungen gab, dass man sich aber Jesus trotzdem nicht als spektakulären Wundertäter vorstellen dürfe.


Rekonstruktion des Bethesda - Teiches und der dazu gehörigen Gebäude aufgrund der Ausgrabungen

Paul hatte referiert, viele Historiker seien  der Auffassung, Heilungen im Zusammenhang mit Jesus seien so gut bezeugt, dass man dies als tatsächliches, historisches Geschehen ansehen müsse. Man dürfe aber nicht so davon sprechen, als ob Jesus, weil er als Sohn Gottes allmächtig war, Kranke hätte gesund machen können  --  sozusagen mit der Drohung des erhobenen Fingers. Solch eine Fähigkeit sei aus dem Neuen Testament nicht ableitbar. Aber so wie Kinder nachweislich durch die Anwesenheit von Familienmitgliedern schneller gesund würden, so ähnlich sei wohl auch die Anwesenheit Jesu für manche Menschen etwas gewesen, das sie heilte.


“Allerdings,“ hatte Paul ergänzt, „würden die Geschichtler“ – so nannte er die Historiker … „Also die Geschichtler,“ sagte er, „sie sprechen nur ganz allgemein über Heilungswunder. Ob zum Beispiel eine ganz bestimmte Heilung, also die Heilung des Gelähmten am Teich Bethesda, nun tat-sächlich geschehen ist und genau so geschehen ist, wie das Johannes - Evangelium darüber berichtet, dies ist historisch nicht belegbar. Allgemein muss man aber festhalten, dass  --  historisch gesehen  --  im Zusammenhang mit Jesus Kranke gesund geworden sind.“


“Ganz anders,“ so fuhr Paul fort, „beurteilen die Geschichtler die so genannten Naturwunder.“ Als Paul die fragenden Blicke von einigen von uns sah, ergänzte er sofort: „Also, solche Wunder sind gemeint, bei denen offensichtlich die Naturgesetze außer Kraft gesetzt worden sind.


Sei brav! Bade jetzt!


Jesus soll eines Nachts auf dem Wasser des Sees Genezareth gelaufen sein.  Er soll einen Sturm durch einen bloßen Befehl abgewürgt haben. ---  Oder ---  es wird auch erzählt, er habe einen Toten, der bereits beerdigt worden war, wieder zum Leben erweckt. Aus Wasser wurde Wein und einige wenige Brote wurden so vermehrt, dass sich einige tausend, hungrige Menschen satt essen konnten.“


An dieser Stelle seines Referates sah Paul Bine an. Offensichtlich rechnete er damit, dass sie weitere, ausführliche Erläuterungen fordern würde. Bine aber schwieg und so meinte Paul erleichtert: „Also, die Geschichtler sind sich einig, dass solch extreme, die normale Erfahrung sprengenden Erzählungen erst entstanden sind, nachdem sich der Glaube an Jesus als dem Sohn Gottes fest in den ersten christlichen Gemeinden verankert hatte. Mit dem übernatürlichen Geschehen sollte im Nachhinein bewiesen werden, dass Jesus göttliche Macht innegewohnt hat. In diesem Sinne wurden die Naturwunder Jahrhunderte lang als tatsächlich geschehen geglaubt und sie wurden genau so wenig angezweifelt, wie man es in Frage stellte, dass Jesus Gottes Sohn ist. Erst das Erstarken des naturwissenschaftlichen Denkens in der Neuzeit hat zu einer kritischen Auseinandersetzung mit solchem Wunderglauben geführt, so dass heutzutage viele Menschen den Wundern skeptisch gegenüber stehen.“


Über Bines Zurückhaltung bis zu diesem Moment hatte sich nicht nur Paul gewundert. Und richtig, jetzt kam sie doch noch in Fahrt. Bine wollte wissen, ob es denn für einen Christen notwendig sei, diese Wunder zu glauben. Sie selbst, so stellte sie für sich fest, müsste sich in diesem Fall aus dem Christentum verabschieden.

Ich fand Bines Einwurf ebenso interessant wie auch die Antwort Pauls. Zunächst meinte er ganz trocken, dass dies keine Frage sei, die ein Historiker zu beantworten habe. Dafür seien die Gläubigen, die Kirche, der Papst, vielleicht auch die Theologen zuständig. Er habe aber dennoch hierzu etwas Wichtiges gelesen.


Von Beginn des Christentums an habe es, so sähen es die Historiker, auch die Möglichkeit gegeben, die Wundererzählungen symbolisch zu verstehen. Zumeist wurden sie zwar als tatsächliches Geschehen angesehen, aber das war nicht ausschließlich so. Oft wurde zum Beispiel der Seesturm so gedeutet, als seien damit die politischen „Stürme“ gemeint, die die christliche Gemeinde immer wieder bedrohten. Und Jesus war dann also der Retter, der die Wogen glättete.   ---   „Wenn nun schon am Anfang und auch durch die Jahrhunderte ein unterschiedliches Verständnis möglich war, warum sollte denn dann heutzutage jemand verpflichtet sein, daran zu glauben, um als Christ akzeptiert zu werden,“  schloss Paul sein Referat.  --  Und das waren so ungefähr auch meine letzten Gedanken, bevor ich eingedöst bin in der Mittagshitze  --  dort oben auf der Dachterrasse in Jerusalem.


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Der vorletzte Tag in Israel. Morgen Abend werden wir wieder in Frankfurt landen. Kaum zu glauben, wie viel wir in nur neun Tagen gesehen und erlebt haben: „Auf den Spuren Jesu“ war das Ganze überschrieben. In der Tat – ich habe viel über Jesus und seine Zeit, sein Land und seine Kultur kennen gelernt. Vieles, das ich bisher geglaubt habe, ist aber auch zerstört. Das war mein Kinderglauben, der nun verloren ist. Aber dafür ist viel Neues entstanden, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Vor allem finde ich es erstaunlich, wie viel man überhaupt über Jesus wissen kann und tatsächlich weiß..


Irgendwie bohrt seit einigen Tagen in mir die Frage: Wer Jesus wirklich war? Wie konnte es geschehen, dass dieser Dorfbewohner aus Nazareth über Jahrhunderte Menschen so fasziniert hat, dass sie ihr Leben an ihm ausrichteten undsogar heute noch immer an ihm ausrichten. Seit Tagen diskutieren wir diese Frage. Natürlich, auch andere Menschen haben ihr Leben riskiert, manchmal sogar verloren wie Jesus. Nicht nur Jesu Leben zeigt, wie gefährlich es ist, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit einzusetzen. Nicht nur er, auch andere waren tolle Typen. Aber was war das ganz Besondere an ihm?

Ein paar Krankenheilungen, ein paar gelungene Predigten über Gott, ein paar solidarische Gesten gegenüber Underdogs, ein paar extreme ethische Forderungen – – all das reicht ja wohl nicht hin, um Jesu „Erfolg“ zu erklären. Ich bin gespannt. Vielleicht bringt mir ja das letzte Kurzreferat noch ein wenig Orientierung.


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„Ihr müsst euch vorstellen: Hier an diesem Ort hat vor 2000 Jahren im Umkreis von mehreren 100 Metern kein einziges Haus gestanden. Damals war dieser Ort außerhalb der Stadtmauer Jerusalems. Schafe und Ziegen wurden hier geweidet, Bauern kamen vorbei, um ihre Produkte nach Jerusalem auf den Markt zu tragen. Dieser Ort wurde dadurch zu einem besonderen Ort, da hier im Felsen eine Höhle war. Ursprünglich wurde sie vielleicht von wilden Tieren bewohnt. Irgendwann wurde sie zu einer menschlichen Begräbnisstätte.“

Bossi hat uns heute früh hier her geführt. Wir stehen vor einem antiken Felsengrab. Auf der linken Seite ist ein überraschend großer, runder Stein zu sehen, der vor das Loch im Felsen gerollt werden kann. So konnte der dort niedergelegte Leichnam vor dem unerwünschten Zugriff von Tieren oder Grabräubern geschützt werden.


Carlitos Referat dreht sich um die letzten Stunden im Leben Jesu. Er erklärt gerade, dass das Grab, vor dem wir stehen, natürlich nicht der Begräbnisort Jesu war. Aber dieses Grab zeigt, dass die Evangelien durchaus realistisch von Jesu Tod berichtet haben. In der Tat, es wäre möglich gewesen, dass Jesus so bestattet worden ist.


“Andererseits“, so fährt Carlito fort, „andererseits ist diese Form der Beisetzung für Jesus historisch eher unwahrscheinlich, denn ein Hingerichteter wurde in der Regel gar nicht beerdigt, sondern den Tieren zum Fraß hingeworfen. Die Historiker sind also der Auffassung, dass das, was über Jesu Beerdigung in der Bibel steht, eine eher unwahrscheinliche Möglichkeit beschreibt. Ebenso ist es eine eher legendenhafte Verformung des tatsächlichen Geschehens, wenn der römische Machthaber Pilatus gebeten wird, Jesus direkt nach dessen Tod vom Kreuz herunternehmen zu dürfen, um ihn zum Felsengrab zu bringen.“


Kai ist richtig erregt, als er sich jetzt zu Wort meldet: „Das ist doch völliger Schwachsinn,“ stößt er hervor. „Ohne Beerdigung im Felsengrab gibt es am Ostermorgen ja überhaupt kein leeres Grab und ohne leeres Grab ist Jesus unmöglich auferstanden. – Wie gesagt, Schwachsinn!“


Carlito ist über Kais Reaktion sichtbar erschrocken. Er schaut hilflos zu Bossi hin. Und Bossi greift ein. Er weist zunächst darauf hin, dass Carlito die Überlegungen von vielen Geschichtswissenschaftlern richtig referiert hat. Bossi führt aus: „Sie sagen auf der Basis ihrer Nachforschungen, dass eine ehrenvolle Beerdigung für einen zum Tode Verurteilten sehr unwahrscheinlich gewesen ist. In Bezug auf die Evangelienberichte überlegen sie dann allerdings weiter, wie es wohl zu solcher, das Geschehen nicht korrekt wiedergebenden Darstellung gekommen sein könnte. Und da hat der Historiker eine durchaus einleuchtende Erklärung parat. Einige Jahre nach Jesu Tod, als in den ersten Christengemeinden von Jesus erzählt wurde, da gab es die starke Tendenz, das Ungünstige über Jesus auszuradieren und mit Freundlicherem zu übermalen.


Also: Es gab zum Beispiel Jüngerberufungen, die keinen Erfolg hatten. Jesus ist da demnach gescheitert  --  eigentlich undenkbar für den Sohn Gottes. Oder auch: Nicht alle Kranken, denen Jesus begegnet ist, wurden gesund. -- All solch Negatives, das zu Jesus als Gottes Sohn nicht passt, wurde nach und nach ausgemerzt und die Person Jesu wurde immer mehr vergoldet. Für die Erzählungen über Jesu Beerdigung bedeutet dies, dass es für die frühen Christen vielleicht zu furchtbar war, sich vorzustellen, Jesus sei – wie Carlito das gesagt hat – er sei den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen worden. Vermutlich sind so die Erzählungen über das Felsengrab entstanden, meinen viele Historiker.“


Kai hat sich zusammen nehmen müssen, um Bossi nicht zu unterbrechen. Aber nun platzt er dazwischen: „Und die Auferstehung? Für die Auferstehung ist das leere Grab doch die Voraussetzung. Oder?“ Ich spüre deutlich, dass es Bossi nicht recht ist, hier von Kai so festgenagelt zu werden. Aber Bossi kann nicht zurück und so sieht er Kai offen an und sagt: „Kai du liegst mit deiner Frage genau richtig. Du spürst: Wir sind jetzt am zentralen Punkt. Alles, was wir als historisches Wissen bisher über Jesus gehört haben, mag interessant sein. Es ist aber kein Grund, daran zu glauben, dass Jesus mehr war oder ist als irgend ein anderer Mensch. Das entscheidend Wichtige hängt an der Auferstehung. Was geschah nach Jesu Tod mit Jesus. Also, ihr wisst ja, was ich sagen will. Ist doch klar: Es geht bei dieser Frage nicht um den toten Körper von Jesus und was mit dem angestellt wurde ... Die zentrale Frage ist, was geschieht mit dem lebendigen Jesus, als er stirbt. Ist er tot? Ein für alle Mal und für immer. Oder: Er ist tot.Im Tod entsteht aber eine neue, weitere Möglichkeit, die eigentlich unserer Erfahrung nach undenkbar ist.

Und deshalb fragt Kai mit Recht, ob wir denn ohne ein leeres Grab als Hinweis auf die Auferstehung glauben können, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist.“


Bossi holt tief Luft. „Zwei Dinge will ich noch dazu sagen. Erstens: Historisches Denken und Nachforschen stößt hier an seine Grenzen. Und deshalb gehört dieses Problem nicht mehr zu unserer Studienreise, sondern in eine ganz eigene Unterrichtseinheit, wenn wir zurück sind – zu Hause. Zweitens will ich aber die Frage stellen, ob denn Gott nur dann Jesus eine Möglichkeit jenseits seines Todes hat geben können, wenn der in einem Felsengrab beerdigt worden ist. Natürlich ---  die Geschichte nach seiner Hinrichtung hätte man, wenn er den wilden Tieren übergeben worden wäre, anders weiter erzählen müssen. Aber wäre denn Gott ohne Felsengrab überfordert gewesen, ihm einen Neustart zu geben? – Wohl kaum, wenn es denn Gott geben sollte und wenn Gott wirklich Gott ist.“


Bine meldet sich zu Wort. Sie ist offensichtlich genervt. Sie will das Ganze voranbringen, um am letzten Tag noch ein wenig Jerusalemer Atmosphäre zu genießen. „Also,“ so sagt sie, „der Auferstehung werden wir ja dann ausführlich zu Hause nachgehen. Mich interessiert jetzt mehr, was denn die Historiker über Jesu Tod und seinen Prozess zu sagen haben. In den Evangelien wird ja sehr genau und unheimlich viel darüber erzählt. Das kann doch nicht alles so geschehen sein. Oder?“


Fjodor  Bronnikow: Gekreuzigte Sklaven

Bossi wechselt mit Carlito seinen Platz – ein deutliches Zeichen, dass der nun mit seinem Referat weitermachen soll.

„Richtig,“ sagt Carlito. „Was Bine gesagt hat, ist richtig. Über die letzten Tage im Leben Jesu wird in den Evangelien sehr ausführlich berichtet. Und die Historiker meinen, dass die allerersten, schriftlichen Aufzeichnungen zum Leben Jesu die über seinen Prozess und seinen Tod gewesen sind. Trotzdem ist nicht sehr viel beweisbar. Zum Beispiel soll Jesus vor seiner Verhaftung am Übernachtungsort gebetet haben, während alle seine Begleiter schliefen. Das kann ja niemand wissen, sagen die Historiker, denn, wenn alle schliefen, gab es folglich für das Gebet keine Zeugen. Dasselbe gilt für das Gespräch, beziehungsweise das Verhör Jesu durch den römischen Machthaber. Da war ja auch kein Zeuge dabei. Das sind also Glaubensgeschichten, Glaubensüberzeugungen ohne realistische historische Grundlage.


Was genau wissen wir? Bekannt ist das ungefähre Jahr, in dem Jesus hingerichtet wurde. Es war wohl zwischen 30 und 33 nach Beginn unserer Zeitrechnung. Es spricht alles dafür, dass Jesus in engem Zusammenhang mit einem Pessachfest starb  --  also im Frühjahr. Mit sehr hoher Wahr-scheinlichkeit war die Kreuzigung die Art der Hinrichtung. Und der Kreuzigung ging ein Prozess voraus. Vermutlich wurde Jesus während der Verhöre, die den Prozess begleiteten, gefoltert, so wie es damals normal war und wie es auch in den Evangelien beschrieben wird.“


Carlito holt tief Luft. Er sucht nach der nächsten Karteikarte und fährt fort: „Also, das ist es gewesen, was man weiß. Nun komme ich zu dem, was als wahrscheinlich anzunehmen ist.

Die Historiker gehen davon aus, dass es gut denkbar ist, dass es tatsächlich einen Jünger gab, der verraten hat, wo Jesus übernachtet hat und wo er nachts ohne größeres Aufsehen verhaftet werden konnte. Es ist auch anzunehmen, dass die Anhänger und Freunde Jesu sich sehr schnell nach dessen Verhaftung aus dem Staub gemacht haben. Es war gefährlich, mit jemandem in Verbindung zu stehen, der  --  egal weswegen  --  verhaftet worden war. Mit solchen Mitläufern machte man früher, ohne viel zu fragen, kurzen Prozess. Auch sollen am Hinrichtungsort unter dem Kreuz lediglich einige Frauen, die ihm nahe standen, anwesend gewesen sein. Auch dies ist wohl eine echte Erinnerung, denn indirekt wird damit ja auch die Feigheit der Männer geschildert, die zu Jesu Freundeskreis gehört haben. Dasselbe, wie wir vorhin über Jesus gehört haben, gilt auch hier:  Negatives über Jesus oder über andere, wichtige Personen, die später zu Führergestalten in der frühen Christenheit geworden sind, ist mit der Zeit zum Positiven hin umgeschrieben worden. Dass unter dem Kreuz kein einziger, beziehungsweise nur ein Jünger stand, war zu deren Schande so bekannt, dass dies auch die lange Zeit seit dem Tod nicht vergessen gemacht hat. Im Erhalt dieses negativen Befundes zeigt sich also wahrscheinlich ein echter historischer Kern. Die Feigheit der Jünger hätte ihnen unmöglich nachgesagt werden können, wenn es nicht tatsächlich so gewesen wäre.


Detail aus dem Isenheimer Altar, M. Grünewald

Jesus am Kreuz – seine letzten Stunden  --  was wissen wir darüber, wie starb er? Es ist anzunehmen, dass das Markus – Evangelium als älteste Schrift angemessen beschreibt, wie es wirklich war. Jesus starb demnach ganz jämmerlich mit einem einzigen, letzten Schrei auf den Lippen. Es sind zwar insgesamt sieben weitere, allerletzte Lebensäußerungen in den vier Evangelien überliefert. So soll er zum Beispiel  --  schon gekreuzigt  --   noch einmal seine Mutter angesprochen haben. Jedoch zeigen besonders die Erzählungen über seine letzten Stunden die Tendenz, Jesu Sterben mit einem Glorienschein zu umgeben. Alle Worte, die er am Kreuz gesagt haben soll, sind nach Meinung der Historiker nachträgliche Versuche, das schreckliche Geschehen abzumildern. So machte man aus Jesus den Beherrscher des Geschehens und er war nicht länger seiner Hinrichtung ausgeliefert, was ja für einen Sohn Gottes auch passender ist.“


Carlito blättert durch seine Karteikarten. Er nickt zufrieden. Es ist geschafft.  –   Es wäre geschafft gewesen, wenn Kai heute früh nicht dabei wäre. Er ist kaum zufrieden zu stellen. „Warum? Warum wurde Jesus zum Tode verurteilt? Dazu hast du noch nichts Richtiges gesagt,“ fragt Kai. Carlito erschrickt. In der Tat, er hat vergessen, diesen Aspekt vorzutragen. Er durchblättert erneut die Karteikarten. Seine Gesichtszüge entspannen sich. Er hat die Karte gefunden.

„Gründe für den Prozess und das Urteil,“ liest er die Überschrift vor. „Die Historiker“, so führt er aus, „sind der Meinung, dass es nicht eindeutig ist, warum Jesus hingerichtet wurde. Die unterschiedlichen Antworten, die sich aus der Bibel erschließen lassen, sind letztlich alle nicht stichhaltig, sondern bezeugen ein bestimmtes Interesse des jeweiligen Erzählers. Eines ist klar: Jesus war ein unbequemer Zeitgenosse für alle religiös, wie auch politisch Mächtigen. Aber reicht das aus, dass man jemand aus dem Wege räumt, weil er unbequem ist?

Alles in allem ist zu sagen: Historisch, ist es nicht klar, warum er gekreuzigt wurde, aber es ist klar, dass Jesu Leben in Jerusalem am Kreuz endete.


Wie nun die Geschichte Jesu nach seinem Tod weitergeht, dazu sagen die Historiker, dass sich die Beantwortung dieser Frage ihrer Kompetenz entzieht.“


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Mein ‚seat belt’ ist geschlossen. Es geht zurück in den Alltag. Unser Flugzeug fliegt über dem Mittelmeer. Tief unter uns sind einige, wenige Wolken zu sehen und dann das Meer. Neben mir sitzt Pia. Auf der anderen Seite des Ganges döst Bossi so vor sich hin.


Es ist bestimmt schon das dritte Mal, dass ich meine Aufzeichnungen durchblättere. Mir fehlt ein Referat. Es war Wilfried gewesen, der es gehalten hat. Und es drehte sich um Jesu Umgang mit seinen Mitmenschen:


Jesus und die Kinder

Jesus und die Reichen

Jesus und die Frauen

Jesus und die Frommen

Jesus und die Sünder

und so weiter – und so weiter



Das Fazit war insgesamt klar gewesen: Jesus war offensichtlich ein Mensch ohne große Berüh-rungsängste. Es war sehr wahrscheinlich eine seiner Stärken, dass er mit den Schwachen der damaligen Gesellschaft – den Kindern, Frauen und den so genannten Sündern – solidarisch war und er hatte keine Angst davor, mit den Mächtigen und Reichen darum zu streiten, welchen Beitrag die zu leisten hätten, damit die Gemeinschaft fair und somit gottgewollt zusammen lebt.


So ungefähr hatte Wilfried das referiert. Aber meine Aufzeichnungen bleiben verschwunden.

Mir fällt ein, dass Bossi damals so etwas wie eine Predigt gehalten hat. Er schlug sein Neues Testament auf und las vor, wie Jesus eine Ausländerin voll gegen die Wand hatte laufen lassen. Diese Frau hatte, glaube ich, eine kranke Tochter und sie bat Jesus um Hilfe. Und der schmetterte sie ab, weil sie keine Jüdin war, sondern eine Ausländerin. Die Frau ließ aber nicht locker. Das kranke Kind hat sie verzweifelt mutig gemacht. Sie wolle ja nichts vom Kuchen abhaben, der für seine Volksgenossen reserviert sei. Ihr würden die Krümel reichen, die unter den Tisch fielen und die sogar die Hunde auflecken dürften. So klein machte sie sich für ihr Kind, so dass sie sich mit den Hunden gleich setzte. --  Und Jesus?  --  Bossi sagte damals: „Jesus war lernfähig. Er ließ sich von der Frau überzeugen. Und ihr Kind wurde geheilt.“ Und  Bossi fasste zusammen: „Wer zu Jesus gehört, der macht keine Unterschiede zwischen den Menschen.  -- Jesus hat es gelernt. Egal ob Inländer oder Ausländer, arm oder reich, Frau oder Mann    ---   wenn wir es noch nicht wissen, sollten wir es auch lernen: Menschen sind ohne Ausnahme Kinder Gottes.



Und da gibt es keine erste, zweite und dritte Klasse in der Menschheit. Solches Denken, dass Menschen unterschiedlich wertvoll sind, ist nicht nur unchristlich, sondern es zeugt von ziemlicher Dummheit.“


Pia hat sich mittlerweile Bossi angepasst. Auch sie döst vor sich hin. --  Ich reise in Gedanken nach Hause. Auf uns wartet nun wieder das Leben in einer ziemlich kleinen Kreisstadt. Die Vielfalt des Lebens in Israel wird mir fehlen. Ein Glück, dass es bei uns Zuhause nicht mehr so langweilig ist wie zur Zeit meiner Großeltern. Die erzählen manchmal davon, wie die erste italienische Eisdiele in der Rosenstraße öffnete. Schaurig, schaurig, wenn ich daran denke, dass es all das Bunte anderer Kulturen bei uns nicht gäbe. Bossi hat damals gesagt, das hätte Jesus auch in unsere Welt eingebrach: die Offenheit für all unsere Mitmenschen. Na ja, und wenn es nur dieses gewesen ist, schon dann würde ich sagen: Es lohnt sich, sich näher mit Jesus zu befassen.