Auf den Spuren Jesu II

Eine Studienreise durch Israel  --  Wissen der Geschichtswissenschaft über Jesus


Auf den Spuren Jesu  II

 

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Der Schock saß ziemlich tief. Wir waren zu fünft gewesen. Soeben hatten wir die Stelle am Jordan besichtigt, wo Jesus auf Johannes den Täufer getroffen war und sich von ihm taufen ließ. Nun standen wir am Kiosk, tranken eine eiskalte Coke, warteten auf die anderen und betrachteten die Touristenartikel, die hier verkauft wurden. Am merkwürdigsten fand ich die Taufurkunde für solche Touristen  --  zumeist fromme Amerikaner  --  die sich von dem extra aus den USA mitgebrachten Pfarrer hier taufen ließen, sozusagen


auf heiligem Boden

in heiligem Wasser

mit Heiligem Geist.



Unerwartet und ganz plötzlich kam dann der Schock im Gespräch mit dem Kiosk - Verkäufer. Pia fragte, ob Jesus denn wirklich hier gewesen war für seine Taufe. „No, this is not the authentic place. The authentic place you will find in the near of Jerico. But for the tourist buses it’s easier to come here. The road is o.k. and  the parking places are more comfortable.“


Ich war getroffen und fühlte mich veräppelt. Man pilgerte auf den Spuren Jesu --- ja, aber bitte mit rotem Teppich und ohne Staub   ---    mit langem Abendkleid und Nadelstreifen, aber bitte keine Schlaglöcher, und alles voll klimatisiert.


Als die gesamte Gruppe zurück ist, setzen wir uns im Schatten einiger hoher Laubbäume zusammen. Natürlich geht es im Referat hier am Jordan um die Taufe Jesu. Bine ist dran. Sie hat von unserem Gespräch am Kiosk bereits gehört und deshalb knüpft sie direkt dort an. Sie zählt auf:

Erstens: Es steht als historisches Faktum fest, dass Jesus bei Johannes dem Täufer getauft wurde. Genau so wie seine Kreuzigung ist das bestens bezeugt. Johannes der Täufer selbst ist zudem als historische Figur unbezweifelbar. Zweitens: Wo am Jordan und wann Jesus getauft wurde, weiß kein Mensch. Auch ein anderer Taufplatz -- also der bei Jericho --  ist lediglich touristisch interessant. Drittens: Was genau bei der Taufe geschah, ist in letzter Klarheit in den Einzelheiten unbekannt. Viertens: Es ist aber klar, dass für Jesus die Taufe zweierlei bedeutet hat. a) Sie hat ihn aus der Bahn geworfen. Sie war der Moment, von dem an er völlig anders weiter lebte als vorher. b) Er hat in der Taufe erlebt, dass er für Gott wertvoll ist. Jesus hat für sich erfahren, dass er – ein Handwerkerkind vom Dorfe -- wertvoll ist und nicht überflüssig.

Nach heutigem Verständnis könnte man sagen: Er hat in der Taufe riesiges Selbstbewusstsein getankt. Er wusste aber gleichzeitig, dass ihm solcher Wert geschenkt ist und dass er ihn sich nicht durch irgendeine eigene Leistung verdient hat.“


Bine hat dann noch viele Worte gemacht. Sie hat die vier unterschiedlichen Berichte in den Evan-gelien miteinander verglichen, alle Unterschiede aufgezählt, usw. Das Wichtigste aber hatte sie vorne weg in den vier Punkten bereits zusammengefasst.


Bine endete mit der Bemerkung: „Die Taufe bedeutet übrigens bis heute noch genau dasselbe. Gott sagt da zu dem Menschen: ‚Du bist, so wie du bist, wertvoll. Ohne Erfolge, ohne übermenschliche Anstrengung, ohne gut zu sein. Du bist wertvoll, weil du du bist und einfach, weil es dich gibt.’“

Und dann machte Bine etwas Verrücktes, das irgendwie zu ihr passte. Sie sagte ganz leise. „Egal ob getauft oder ungetauft, was Jesus erfahren hat, gilt für uns alle.“ --  Lange Pause. – Dann:


„Pia, du bist wertvoll.

Kai, du bist wertvoll.

Yasemin, du bist wertvoll.

Wilfried, du bist wertvoll.

Carlito, du bist wertvoll."


Und als Bine das sagte – das auch zu mir sagte, da blickte sie mich dabei voll an. – Irgendwie war das für mich, als spreche hier nicht nur Bine. Es war schon besonders – dort am Jordan, dort wo Jesus bestimmt nicht getauft worden ist.


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Jericho. – Hier in der Nähe muss der Eingang zur Hölle sein, so heiß ist es hier. Und das schon morgens um 7:00 Uhr. – Vom Bett unter die Dusche, zurück zum Bett und schon wieder schwitzt du aus allen Poren. Also erneut zur Dusche. Am besten wäre es, ich würde die Dusche gar nicht mehr verlassen.


Ausgrabungsstätte in Jericho: der älteste von Menschen erbaute Turm.

Zum Glück haben wir bereits gestern Abend kurz vor Sonnenuntergang unser Besichtigungsprogramm absolviert. Im Ausgrabungsfeld am Rande Jerichos sahen wir eine Stadtmauer und einen Turm, die bereits vor 12.000 Jahren hier erbaut wurden. Das alles war Tausende von Jahren verschüttet gewesen, bis es dann vor ungefähr 100 Jahren unter Sand und Erde wieder entdeckt und dann ausgegraben wurde.


Unsere Gruppe hatte am Tell es–Sultan gestanden und Kai referierte, dass wir hier nicht nur bei den ältesten, erhaltenen Spuren menschlichen Bauens standen. Hier in dieser Gegend waren auch 2 Millionen Jahre früher unsere Vorfahren aus Afrika Richtung Europa und Asien unterwegs gewesen. „Unter unserer weißen Haut sind wir alle Afrikaner,“ meinte Kai. „Meine

Ur –, Ur–, Ur –, Ur –, Ur-  ...  Großeltern sind hier durchgewandert. Sie hatten genauso braune Haut, wie die heutigen Menschen, die in Zentralafrika leben. Wir Menschen sind alle miteinander verwandt.“

„Und noch darüber hinaus,“ fuhr Kai fort, „war diese Gegend im Osten des Mittelmeeres die Ge-gend, in der viele der großen, religiösen Bewegungen ihren Ursprung haben. Nicht nur die drei großen monotheistischen Religionen  ---  Judentum, Christentum und Islam.“


Das war ein merkwürdiges Gefühl gewesen   ---   gestern, als wir am Tell es–Sultan standen und die vielleicht aller ältesten Spuren menschlichen Mauerbaus betrachtet haben. 12.000 Jahre ist das her. Wissenschaftler sagen, wenn ein Kind von damals in einer heutigen Familie aufwachsen würde, dann hätte es dieselben Chancen wie ich, das Leben zu bewältigen. Es gibt keine wirklich wichtige Weiterentwicklung des Menschen. Körper und Geist sind seit damals gleich geblieben. Ich und der Bewohner des Jericho – Turms könnten gute Freunde sein, wenn er heute lebte oder wenn ich vor 12.000 Jahren geboren wäre.


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Endlich verlassen wir die Hitzehölle von Jericho. Es geht im Bus stetig bergauf --  erneut Jerusalem entgegen. Gespannt beobachten wir den Straßenrand. Irgendwann wird das besondere Hinweisschild auftauchen, das anzeigt, dass wir nun gerade auf der Höhe des Wasserspiegels des Mittelmeeres sind.


Dafür muss der Bus allerdings bereits 250 Meter ab der Abfahrt in Jericho in die Höhe geklettert sein. Jericho ist nämlich die tiefst gelegene Stadt auf der Erde. Und trotzdem sind wir trockenen Fußes in ihr unterwegs gewesen  --  über 250 Meter unter dem Meeresspiegel.


Ohne bei Normal Null anzuhalten klettert der Bus in vielen Windungen weiter hinauf.  Es kommen noch 800 Höhenmeter hinzu, bis wir dann endlich den Bus verlassen. Ein kühles Lüftchen empfängt uns oberhalb von Jerusalem.


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Wieder stehen wir oben über Jerusalem auf dem Ölberg. Unter uns der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Er nimmt mich wieder gefangen  --  dieser Anblick dieser Stadt. Wenn doch nur Frieden würde zwischen den Religionen. Zwischen den Völkern. Überall.


Jetzt bin ich selbst gefordert mit meinem Referat. Ich muss zugeben: Ganz am Anfang hatte ich keine blasse Ahnung, was das Stichwort „Messias“ bedeutet und wie das mit Jesus zusammenhängt. Noch weniger hatte ich damit gerechnet, dass ich mich auch noch mit dem jüdischen Glauben würde intensiv beschäftigen müssen. Nun gut. Es ist interessant gewesen – die Sache mit dem Messias. Und  mittlerweile bin ich ein Stück weit zum Experten geworden bei diesen Fragen.


„Also: am besten fängt man mit dem Namen Jesus Christus an,“  begann ich mein Referat. „Christus ist die lateinische Form vom hebräischen Wort 'Messias'.“   ---   Sofort war Bines Stimme zu hören: „Und was heißt das, bitte schön, im Deutschen?“ ---  „Gern,“  sagte ich. „Ins Deutsche übersetzt wird damit ausgesagt: Jesus ist der Erlöser, der Heiland, der Heilende. Er ist der, der in Ordnung bringt, also heil macht   ---   heilt, was falsch läuft. Der Messias verwandelt Gefangenschaft in Freiheit. Krieg in Frieden. Einsamkeit in Freundschaft. Hunger in…“   --  Bine war gut drauf. Sie unterbrach mich schon wieder: „ … und Hartz IV-lern vermittelt der Messias bestimmt gut bezahlte Jobs und magersüchtige Boys verwandelt er in wohl proportionierte Liebhaber.“


Bine hatte gut begriffen, worum es ging. Ich wollte mich aber nicht aus dem Konzept bringen lassen und so fuhr ich fort: „Christus oder Messias – das war ein fest verwurzelter Glaube unter den Juden zur Zeit Jesu. Die Menschen hofften, dass Gott ihnen einen Retter, den Messias, schicken würde, der sie aus der römischen Fremdherrschaft befreit, und dass dann ein goldenes Zeitalter beginnt. Dieser Ehrenname wurde Jesus aber erst später, nach dessen Tod zugelegt. Die Historiker sind sich darin einig, dass Jesus sich selbst nie als Messias bezeichnet hat. Ebenso wenig hat er von sich als dem Sohn Gottes gesprochen. Offensichtlich hielt er sich für ganz normal.“


„Vermutlich haben andere, vielleicht haben seine Jüngerinnen und Jünger von ihm mehr erwartet und in ihm mehr gesehen, als er selbst es für möglich hielt. Er war bestimmt ein selbstbewusster Mann, aber sein Selbstverständnis war nicht so, dass er sich als Retter seines Volkes sah.“ Erst Jahre später, einige Zeit nach seiner Kreuzigung begannen die Jesus - Gläubigen ihn als Messias zu betiteln. Und noch später wurden sie dann selbst nach ihm benannt. Christen sind also die, die glauben, dass Jesus der Messias ist  ---   der der heil macht, was nicht in Ordnung ist.“  Ich trank einen Schluck Wasser und dann fügte ich noch an: „Mit Bines Worten ist Jesus als Messias der, der Hartz IV - Leute in gute Arbeit vermittelt und der Magersüchtige in Schönheiten verwandelt.“


Ich spürte, wie die anderen durchatmeten. Sie hatten bis hierher gut zugehört, aber nun waren sie froh, dass ich am Ende angekommen war. Da musste ich sie allerdings enttäuschen, denn dies war erst die eine Hälfte gewesen. Nun kam noch die andere, die erklären würde, warum ich mein Referat gerade hier oben, oberhalb von Jerusalem auf dem Ölberg hielt.

Ich fuhr fort: „Schaut einmal unten auf die Altstadt Jerusalems. Ihr seht die goldene Kuppel des Felsendoms. Davor die Stadtmauer.

Rechts neben dem Felsendom ist in der Stadtmauer ein erhöhter Teil zu sehen, ungefähr so groß wie ein zweistöckiges Haus. Ich habe euch ein Foto mitgebracht von diesem besonderen Ort.

Ihr könnt sehen, dass da ursprünglich einmal ein Eingangstor war mit zwei Rundbögen. Dieses Tor wird goldenes Tor genannt. Viele Juden zur Zeit Jesu rechneten damit, dass der von Gott geschickte Messias durch dieses Tor den Tempelbezirk betreten würde, um dort Gott anzubeten. Die ganz Frommen in Israel, die Pharisäer glaubten sogar, wenn der Messias käme, dann sei die Zeit der Auferstehung aus dem Tode gekommen. Und deshalb gibt es hier an dem Abhang gegenüber dem Tempelbezirk, den ganzen Ölberg abwärts Gräber über Gräber, damit man bei der Auferstehung der Toten von Anfang an dabei ist.“


Es reichte. Ich spürte deutlich, dass jetzt alle Konzentration dahin war. So ließ ich meine letzten Ausführungen ungesagt, obwohl das für mich selbst doch sehr informativ gewesen war. Es gab nämlich in Bezug auf das goldene Tor noch einiges Interessantes zu wissen. Etwas fand ich besonders bemerkenswert: Das war die Sache mit dem Sündenbock.

Möglicherweise hatte man damals, als der jüdische Tempel noch nicht zerstört war, den Sündenbock durch dieses Tor am Versöhnungstag in die Wüste getrieben, damit er dort verdurstete. Das war ein merkwürdiger Brauch. Da wurden einmal im Jahr in einem Tempel - Gottesdienst alle Sünden des Volkes aufgezählt, die es im gerade vergangenen Jahr begangen hatte. Alle diese Verfehlungen wurden dann symbolisch dem Bock aufgebürdet. Damit wurde aus dem Bock der Sündenbock. Und nun wurde er in die Wüste getrieben  --  stellvertretend für das Volk  --  damit er dort seine Strafe erhielt, die eigentlich das Volk verdient hatte. Als ich das zum ersten Mal las, ging mir durch den Kopf, dass das doch ganz schön wäre, wenn es das gäbe. Allerdings  --  Sündenbock zu sein, das ist keine begehrenswerte Rolle.


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Es war kurz nach neun. Zu Hause wäre jetzt Langeweile im Chemiekurs angesagt. Statt dessen saß ich hier unter wolkenlosem Himmel auf einer Dachterrasse eines Hostels in Jerusalem. Gegenüber ragte ein Minarett in den Himmel. Vor mir standen ein Ei, Toastbrot, frisch gepresster Orangensaft und Kaffee. So war die Welt 100 % in Ordnung. Zumindest wäre sie voll in Ordnung gewesen, wenn da nicht Yasemins Stimme mit sanfter Gewalt versucht hätte, in mein Gehirn vorzudringen. -- Thema: Jesus und der Sabbat.


Kurz nach Sabbatende auf dem Yehuda - Markt

Ich konnte beim besten Willen nicht zuhören. Meine Gedanken schweiften ab. Sie wanderten ge-rade einmal anderthalb Tage zurück zu meinem eigenen Erleben des Sabbats.

Am späten Nachmittag war es nach und nach ruhig geworden in Jerusalem. Kein Auto fuhr mehr. Keine Straßenbahn. Kein Bus. Kein Geschäft geöffnet. Selbstbedienung im Hotel.   ---    Unglaublich!  Eine Großstadt schlief einen ganzen Abend. Eine ganze Nacht. Einen ganzen Tag.  --- Unglaublich!


Und dann am Samstagabend – drei Sterne am Himmel – und alles erwacht wieder. Der Sabbat ist keine halbe Stunde vorbei und das Großstadtleben pulsiert erneut, als habe es nie still gestanden. ---  Unglaublich!

Unglaublich!    ---      Und das Ganze gilt nur für die israelisch jüdischen Wohnbereiche. Moslems und Christen leben anders. Die einen beenden zu Beginn des jüdischen Sabbats gerade ihren besonderen Tag, die anderen haben ihren Feiertag noch vor sich.


Yasemins Stimme rief mich zurück zur Pflicht. Sie fasste gerade ihre Ausführungen zusammen. Wenigstens die wollte ich hören. Also konzentrierte ich mich.


Toralesung im Sabbatgottesdienst

„Wie sich also in der Berichterstattung im Neuen Testament zeigt, entschied sich am Einhalten des Sabbats, ob jemand fromm war oder gottlos. So dachte man im Volk, so glaubten die Pharisäer. Für sie repräsentierte der Sabbat Gott selbst. Und wenn also jemand den Sabbat verletzte, missachtete er im Grunde Gott.

Jesus hat solchen rigorosen, gesetzlichen Glauben in Bezug auf den Sabbat abgelehnt. Sein Spitzensatz lautet“ --  und hier zitierte Yasemin wortwörtlich aus dem Markus - Evangelium:


‚Der Sabbat ist für den Menschen da,

nicht der Mensch für den Sabbat.’


Yasemin fuhr fort: „Der Mensch wurde also nach Jesu Meinung nicht geschaffen, damit jemand den Sabbat, also Gott respektiert. Umgekehrt: der Sabbat wurde von Gott geschaffen, damit es dem Menschen gut geht. Also: Gott möchte für den Menschen da sein, damit der Mensch gutes Leben findet.“


„Das hört sich ja an, als ob der Mensch wichtiger wäre als Gott.“ Bines quäkende Stimme verschaffte sich Gehör.  ---   „In der Tat“, entfuhr es Yasemin. „Das genau war die Position Jesu und das genau hat stark dazu beigetragen, dass man ihn hingerichtet hat, meinen viele Historiker. Die Frommen in seiner Umgebung lehnten ihn ab, weil er ihren wichtigsten Glaubensinhalt infrage gestellt hat. Der uneingeschränkte Einsatz für die Notleidenden hatte für Jesus absolute Priorität, war wichtiger als Gott.“


„Und woher will man das heute - 2000 Jahre später - so genau wissen?“ fragte Pia.   ---   Yasemin blieb ruhig. Offensichtlich hatte sie mit dieser Frage gerechnet. „In meinen Augen gibt es einen überzeugenden Grund dafür, dass das wirklich Jesu Glaube war.

Es ist nämlich so, dass diese extreme Position einzigartig in der damaligen Zeit war. Zwar stritt man sich im jüdischen Glauben immer um den richtigen Umgang mit dem Sabbat. Aber die Position Jesu ist einzigartig extrem. Für fromme Ohren ist sie im Grunde sogar eine Gotteslästerung, oder etwa nicht? Jesus kann diesen Gedanken  ---  also so extrem für den Menschen Partei zu ergreifen   ---    nur aus sich selbst gehabt haben. Zumindest wird einzig und allein von ihm berichtet, dass er propagiert hat, der Mensch und dessen Wohlergehen sei dem Gottesdienst grundsätzlich übergeordnet.“


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Wie schon an den vorherigen Tagen hatte ich morgens mit Corinna vor dem Schachbrett gesessen. Es war das dritte Spiel, das wir seit der Ankunft in Israel austrugen. Corinna hatte ein Steckschach dabei. So wurde der jeweils aktuelle Spielstand festgehalten und wir konnten jederzeit unsere Partie unterbrechen, ohne dass wir die Schachfiguren abräumen mussten. Ich war am Morgen ziemlich knapp an einem fatalen Fehler vorbeigeschrammt, als ich eine gute Möglichkeit für Corinnas schwarzen Läufer übersah. Das wäre ein schönes Matt geworden --  nur leider gegen mich.


Spielpläne im Straßenpflaster

Nun stehen wir im Keller eines Hostels an der Via Dolorosa. Verrückt: Als man vor Jahrzehnten dieses Haus baute, ist man beim Ausgraben der Baugrube ein Stockwerk unter dem heutigen Straßenniveau auf ein antikes Straßenpflaster aus der Zeit der römischen Besatzung gestoßen. Vielleicht ist Jesus selbst hier einmal entlang gegangen. In jedem Fall haben aber die Einwohner Jerusalems zur Zeit Jesu diese Straße zum Einkaufen und Wasserholen genutzt.


Bossi macht uns auf zwei Spielbretter aufmerksam, die hier vor uns ins Straßenpflaster geritzt sind. Vermutlich waren es römische Soldaten, die sich so ihre Langeweile während ihres Wachdienstes vertrieben haben. „Im Pflaster ist deutlich ein quadratisches Spielbrett zu erkennen und darunter eine römische Rundmühle“, erklärt Bossi. Kai möchte gerne die Spielregeln erfahren und so erklärt Bossi, dass man einfach versuchen muss, drei Steine in eine Reihe zu legen  --  auf einer Geraden oder auch in dem Rundbogen. Als Spielsteine kann man alles nehmen, was sich deutlich unterscheidet, z.B. je drei helle und drei dunkle Steine.


Während ich die Spielbretter betrachte, taucht vor meinem inneren Auge noch ein drittes Spielbrett auf: 8 × 8 Felder, abwechselnd schwarz und weiß. Noch heute früh saß ich davor. Der Unterschied zwischen mir und den Menschen, die vor 2000 Jahren lebten, ist offensichtlich nicht sehr groß. Schon immer spielen Menschen zum Zeitvertreib. Da frage ich mich, ob Jesus vielleicht auch gerne gespielt hat.


Merkwürdig!  --  Es ist, als ob Bossi Gedanken lesen kann. Genau diese Frage stellt auch er. Er kündigt an, Pia werde in ihrem Referat etwas dazu sagen, was speziell über Jesus als Kind bekannt ist, was er zum Beispiel gespielt hat und wie er mit seinen Spielkameraden umgegangen ist. Sofort fallen einige von uns Bossi ins Wort. „Das können wir uns doch sparen,“ meinen sie.  „Das haben wir ja nun mittlerweile kapiert, dass gerade darüber historisch absolut nichts bekannt ist.“

Bossi hat Mühe, fort zu fahren. „In der Tat“, fängt er erneut an, „ihr habt Recht. Über Jesus als Kind ist nichts bekannt und die einzige Kindheitsgeschichte im NT über den 12 jährigen Jesus ist ohne Zweifel eine Legende. Genau hierzu hat Pia gearbeitet, dazu wie es zu solchen Legenden gekommen ist. Das ist ein besonders interessantes Thema, wenn man wissen will, warum die Ge-schichtswissenschaftler manche Erzählungen als historisch ansehen, andere aber als legendenhaft aussortieren.“   ---    Und damit gibt Bossi das Wort an Pia weiter.


„Ja,“ beginnt Pia, „das Besondere an meinem Referat ist …“  Pia sucht nach dem richtigen Einstieg.   „Also, ihr habt euch ja  fast alle in euren Referaten mit Texten aus dem Neuen Testament beschäftigt. Das habe ich nicht gemacht. Ich habe Sachen über Jesus gelesen, die nicht im NT zu finden sind. Zum Beispiel habe ich nachgelesen, was im Petrus – Evangelium und im Thomas – Evangelium über Jesus berichtet wird. Ich war sehr erstaunt,“ fuhr Pia fort, „als ich zum ersten Mal überhaupt davon gehört habe, dass es einige dutzend Evangelien gibt und nicht nur vier. Aber ins Neue Testament sind nur vier aufgenommen worden, obwohl es noch viele andere gab. Die Historiker sagen, dass das an den Inhalten liegt, die da Jesus angedichtet werden. Wenn man solche Erzählungen liest  --  zum Beispiel über Jesus und seine Spielkameraden oder auch darüber, wie in der Osternacht Engel vom Himmel herab kamen, um Jesus zu Gott zurück zu geleiten  --   also, als ich das gelesen habe, da war sogar mir klar, dass das so nicht gewesen sein konnte, damals auf dem Spielplatz in Nazareth oder in der Nacht, nachdem Jesus gekreuzigt worden war.“

„Augenblick einmal!“  Bine unterbricht Pia.  Das will sie ganz genau wissen, was da über Jesus als Kind erzählt wird. Und auch, ob Jesus Streiche gemacht hat und ob er deshalb Ärger bekommen hat mit seinen Eltern oder anderen Erwachsenen.

Pia stoppt Bine vehement. Sie möchte gerne ihr Referat durchziehen und sie sagt, dass Bine dann hinterher fragen könne, wenn irgendetwas am Ende unklar sei.

Wir kennen ja alle Bine recht gut. So lässt sie sich nicht abfertigen. Und richtig, sie hakt nach: Irgendeine Geschichte möchte sie schon hören. „Damit ich mir selbst ein Bild machen kann – und nicht nur meiner Phantasie überlassen bin.“


„Gut,“ lenkt Pia ein. „O. k. Ich erzähle eine Geschichte, in der Jesus ungefähr fünf Jahre gewesen sein soll. Ich erzähle das aus meinem Gedächtnis, so wie es bei mir hängen geblieben ist. Wenn es jemand genau wissen will, dann muss er es selbst im Kindheitsevangelium des Thomas nachlesen.“ Und Pia beginnt: „Also von Jesus wird erzählt, er habe eines Tages mit Spielkameraden an einem Bach gespielt. Sie bauen einen Damm, der das Wasser staut. Ein kleiner See entsteht. Da – plötzlich – tritt eines der mitspielenden Kinder aus Versehen auf den Damm und das Wasser fließt ab. Wie manches andere Kind in solcher Situation ist auch Jesus zornig. Er schimpft: „Du Trottel! Dieser Fuß, der das getan hat, soll steif werden!“ Und schon, im selben Moment, hat der Spielkamerad Jesu ein steifes Bein.“


Pia macht eine Pause. Offensichtlich hat sie mit unseren verdutzten Gesichtern gerechnet. So eine Jesus - Story hat von uns noch keiner gehört. Mir kommt der Verdacht, dass Pia diese Geschichte gerade eben erst erfunden hat. Vielleicht  will sie uns testen, ob wir jeden Unsinn glauben. Ich schaue hinüber zu Bossi. Keine Regung bei ihm. Offensichtlich kennt er diese Erzählung.   ---   Bine ist die erste, die Worte findet: „Ganz schön krass. Stellt euch mal vor, alle unsere Flüche gingen tatsächlich in Erfüllung. Die Menschheit wäre längst ausgestorben.“


Pia ergreift wieder das Wort. „Die Historiker gehen davon aus, dass Jesus eine ganz normale Kindheit und Jugend durchlebt hat – halt so, wie seine Altersgenossen in seiner Zeit vor 2000 Jahren in Palästina. Wundergeschichten über Jesus als Kind tauchen im Grunde erst mehr als 100 Jahre nach Jesu Kreuzigung auf. Den ersten Autoren, die über Jesus geschrieben haben  – also Markus, Matthäus, Lukas und Johannes  --  ihnen waren solche wundersamen Kindheitserzählungen nicht bekannt. Wenn auch nur einer sie gekannt hätte, so argumentieren die Historiker, er hätte sie bestimmt in sein Evangelium aufgenommen. Dies ist ein erster Grund, warum gesagt wird, dass diese Geschichten unhistorisch sind. Die Historiker meinen, sie wurden durch die fromme Fantasie von Christus - Gläubigen geschaffen, die mit ihnen beweisen wollten, dass Jesus von Geburt an der Sohn Gottes war, denn er hat in solchen Erzählungen ja Gewalt über die Naturgesetze wie Gott.“


Pia fährt fort: „Es gibt für die Geschichtswissenschaft einen zweiten Grund, der dafür spricht, dass in den Kindheitsgeschichten keine echte Erinnerung daran vorliegt, wie es gewesen ist. In der frühen Christenheit war nämlich die Erinnerung fest verankert, dass es im Umgang mit Jesus nie eindeutig war, welche Beziehung er zu Gott oder Gott zu ihm hatte. Nur manchmal blitzte da etwas Ungewöhnliches auf – wie zum Beispiel die Heilung eines Kranken oder Jesus erwies sich in einem Gespräch über Gott als besonders weise. Und dann überlegten die Leute, was da vor sich ging. Aber für die, die Jesus begegnet sind, war das nicht eindeutig mit ihm: Sohn Gottes oder Scharlatan, im Bunde mit dem Satan oder Erlöser der Welt. Niemand wusste genau Bescheid.


In den Kindheitsgeschichten ist es nun aber eindeutig, wer Jesus war. Und deshalb gelten sie als unhistorisch, weil sie mit dem nicht in Einklang zu bringen sind, wie die Augenzeugen Jesus erlebt haben. Hätte zum Beispiel Matthäus so etwas erzählt, er hätte mit dem Protest seiner Zuhörer rechnen müssen, denn unter ihnen saßen ja noch solche Menschen, die Jesus persönlich begegnet waren. Die hätten vermutlich Einspruch erhoben und sofort gesagt, dass Jesus als Kind nie besonders auffällig war. Erst einige Jahrzehnte nach Jesu Tod und vor allem auch nach dem Tod der Augenzeugen wurde es dann möglich, völlig frei und ungezwungen und fromm zu phantasieren. Dieser Glaube also, dass in Jesu Leben und in seinem Tun Gott nur versteckt sichtbar wurde, ---  das hat dann in der Kirche dazu geführt, dass die Schriftstücke, die dem widersprachen und Jesus zum Superman machten, nicht in die Bibel aufgenommen wurden.


Noch ein anderer Grund, der gegen die historische Wahrscheinlichkeit solcher Erzählungen spricht, ist übrigens der, dass es in der frühen Überlieferung nach Jesu Tod keinen einzigen Bericht gibt, in dem Jesus aus Jux und Tollerei einem Mitmenschen geschadet hat wie hier seinem Spielkameraden.“


Pias letzte Sätze klingen wie ein Schlusspunkt. Und das bestätigt sie dann auch, dass sie damit ihrer Meinung nach alles Wichtige gesagt habe. Aber so fügt sie an, Bossi würde darauf bestehen, dass sie noch drei wichtige Dinge hinzufüge. „Also dann,“ hebt Pia ihre Stimme. „Erstens: Legen-den über Jesu Leben konnten nur über solche Sachverhalte erzählt werden, über die die neutestamentlichen Evangelien schweigen, da ihnen halt darüber gar nichts bekannt war. So entstanden sogar Legenden über Marias Jugend und über Jesu Großeltern.


Löwen- Mensch- Gruppe. Worms,

Dom St. Peter, um 1150


Zweitens: Es gibt viele Schriften aus der damaligen Zeit, in denen Jesus merkwürdige Gedanken in den Mund gelegt werden. Für mich ist das ziemlich wirres Zeug, was ich da gelesen habe. Als ich es meiner Mutter vorlas, hat sie gemeint, das sei ‚esoterisches Geschwafel’.“    ----     Pia unterbricht sich und sie sagt zu Bine etwas provozierend.   „Und, Bine, bestehst du nicht auf einer Kostprobe?“ Einige von uns stöhnen. Sie sehnen nichts anderes als das Ende herbei. Aber Bine erspart uns diese Kostprobe nicht. Sie nickt heftig und Pia liest von einem Zettel, den sie aus ihrer Tasche hervorkramt, vor: „Im koptischen Thomasevangelium steht Folgendes: ‚Jesus sagte: Selig ist der Löwe, den der Mensch isst, und der Löwe wird Mensch werden; und verflucht sei der Mensch, den der Löwe frisst, und der Löwe wird Mensch werden.’  --  Noch einmal?“ fragt Pia und sie liest ganz langsam dieselben Sätze erneut:

„ ‚Jesus sagte: Selig ist der Löwe, den der Mensch isst, und der Löwe wird Mensch werden; und verflucht sei der Mensch, den der Löwe frisst, und der Löwe wird Mensch werden.’   ---   Fragt mich nicht, was das bedeutet. Man kann hundertfach in den antiken Schriften lesen, dass Jesus so einen Kram gesagt haben soll.“


Und damit kommt Pia zur dritten Ergänzung. „Drittens:“ sagt sie. „Wer will, der kann all dieses alte Zeugs gut übersetzt nachlesen. Es gibt da absolut nichts geheim Gehaltenes. Wenn Leute behaupten, dass in den Katakomben des Vatikans beim Papst irgendetwas zurück gehalten wird, dann ist das reine Geschäftemacherei. Ich kann nur sagen. Viel Spaß dabei. Manches macht ja wirklich Spaß zu lesen, aber ich habe zwei Bücher mit über 800 Seiten in der Hand gehabt. Zum Glück brauchte ich nur eine kleine Auswahl lesen. Schon das hat mir voll und ganz gereicht. Wikipedia ist, so wie ich das sehe, auch bei dieser Frage ausreichend und ausführlich genug. Wer mehr wissen will, der googelt einfach einmal ‚Evangelium’ und dort wird er dann zu allen Absonderlichkeiten weiter geleitet.“


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