Auf den Spuren Jesu I


Eine Studienreise durch Israel  --  Wissen der Geschichtswissenschaft über Jesus

Auf den Spuren Jesu I

Gestern war ich um diese Uhrzeit noch beim Packen gewesen, nun stehe ich mit den anderen hier oben über Jerusalem. Die Sonne geht gerade unter. Nachher werden wir den ersten Abend unse-rer Abschlussfahrt in einem arabischen Restaurant verbringen, vielleicht Hummus und Falafel es-sen und schwarzen Tee mit frischer Pfefferminze trinken.

„Auf den Spuren Jesu“, so ist das Ganze überschrieben und wir „erfahren“ hier mit dem Bus, was wir uns ansonsten zuhause anlesen müssten.



Jerusalem mit der mittelalterlichen Stadtmauer rund um die Altstadt

und im Hintergrund moderne Hochhäuser




Wir stehen auf dem Ölberg und sehen auf Jerusalem hinab. Mein großer Traum geht bereits hier und jetzt in Erfüllung. Seit meiner Grundschulzeit warte ich auf diesen Moment. Damals zeigte uns unsere Religionslehrerin einmal ein Panoramabild von Jerusalem. Es hat mich bis heute nicht los-gelassen. Und nun stehe ich tatsächlich hier oben. Und der Anblick raubt mir den Atem.


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Corinna hält das erste Kurzreferat unserer Studienfahrt. Sie erläutert, was wir sehen, und sie führt uns ein in die politisch religiöse Situation dieser Stadt.

„Direkt hier unten seht ihr die goldene Kuppel des Felsendoms. Sie ist unübersehbar“,  beginnt Corinna. Und in der Tat  ---  unser Blick wird geradezu magnetisch von dem goldenen Glanz dieser Kuppel eingefangen.

Corinna fährt fort: „Dort stand vor 2000 Jahren der Tempel des Volkes Israel.


So sah vermutlich der Tempel aus, den die römischen Soldaten vor ca. 2000 Jahren zerstörten.


Die Römer hatten damals alle Länder rund ums Mittelmeer, also auch Israel in ihrer Gewalt. Dann kam es im Jahre 70 nach Beginn unserer Zeitrechnung in Israel zu einem Aufstand gegen Rom. Die Israeliten wollten die römischen Soldaten vertreiben. Sie waren aber zu schwach und so zerstörten stattdessen römische Legionen die gesamte Stadt mit dem Tempel. Bis heute wurde dieser Tempel nicht wieder aufgebaut.

Seit damals waren es bis 1949 immer wieder einmal andere Volksgruppen, die hier lebten, und auch die Herrschaft über diesen Landstrich wechselte oft. Nach der römischen Fremdherrschaft waren es christliche Herrscher, die hier das Sagen hatten, dann muslimische. Während der Kreuzzüge zum Beispiel gab es einen regen Wechsel zwischen muslimischen und christlichen Besatzern. In der Neuzeit ist es so, dass sich seit 1949 Palästinenser und Israeliten um die Oberhoheit über dieses Land streiten und es ist kein Frieden in Sicht.“

Die Klagemauer: ein Teil der Stützmauer und zugleich Begrenzung des Tempelberges im Westen

„Der Streit zwischen den beiden Völkern ist auch ein Streit zwischen ihren Religionen,“ betonte Corinna. „Das wird geradezu sichtbar, wenn wir dort unten den Tempelberg sehen. So hat sich bei vielen Juden bis heute die Sehnsucht erhalten, dass dort eines Tages ihr Tempel wieder aufgebaut wird. Statt beim Tempel beten die Juden heutzutage an der Klagemauer zu Gott. Das ist eine Steinmauer, die den Tempelberg im Westen stützt und begrenzt. Sie ist so alt, wie der Tempelbe-zirk überhaupt. Wir werden diese Gebetsstätte bestimmt demnächst besuchen. Von hieraus ist sie aber nicht zu sehen.


Für Moslems ist wie für die jüdischen Gläubigen das hoch gelegene Plateau besonders wichtig. Moslems glauben, dass ihr Prophet Mohammed von hier aus in einem nächtlichen Ritt zu Allah aufgestiegen ist. Und dabei soll er auch Moses und Jesus getroffen haben.

Im Islam glaubt man, dass diese drei Propheten zu unterschiedlichen Zeiten von Gott gesandt wurden, um den Menschen den Willen Gottes bekannt zu machen.


Der Felsendom ist über dem Felsen errichtet, auf dem Abraham / Ibrahim seinen Sohn Isaak / Ismael zu opfern bereit war.





Diese Überlieferung lässt Jerusalem zum drittheiligsten Ort des Islam werden. Deshalb gilt es für

den Islam, den Tempelberg vor jeder Entheiligung durch Ungläubige zu bewahren. Politisch und religiös gesehen, ist es tragisch, dass diese beiden Religionen genau denselben Flecken Land beanspruchen, um dort ihren Gott zu verehren.“


Mit den Worten „ Versteh ich nicht!“  ist Bines Stimme zu hören und sie fährt fort: „Also, wenn doch Mohammed, Jesus und Moses eine religiöse Konferenz abgehalten haben, damals im Himmel, dann müssen doch Moses und Jesus rechtgläubige Leute gewesen sein. Oder? Oder sind etwa im Himmel bei Gott auch Irrläufer zu Hause? Wenn aber Moses und Jesus ‚o.k.’ waren, wieso müs-sen dann Juden und Christen vom Islam als Ungläubige bekämpft werden?“


„Bine, toll, wie du mitdenkst!“ ist Pias Stimme zu hören. ---  „Was wären wir nur ohne dich, Bi-ne,“ kommentiert Wilfried sarkastisch.  ---   Klar, ohne solche Kommentare wären wir nicht wir.  Ich selbst finde jedoch Bines Frage gut und auch Corinna geht positiv auf sie ein: „Also, es ist so. Der Islam kennt unterschiedliche Positionen. Nur die Hardliner  --  also solche Moslems, die glauben, sie wüssten besser Bescheid als Allah selbst  --  die lehnen Juden und Christen als Ungläubige ab. Im Koran selbst werden Juden und Christen als Andersgläubige geachtet, weil auch sie eine heilige Schrift mit der Botschaft Gottes besitzen. Für die Muslime ist allerdings nur der Koran total fehlerfrei, während sich in die Bibel Fehler eingeschlichen haben.“


Diese Bemerkung Corinnas führt zur Unterbrechung ihres Referates. Einige von uns poltern sofort los gegen die typische Intoleranz der Religionen. Andere möchten dagegen betonen, dass Religio-nen auch immer Frieden und Barmherzigkeit verbreitet haben. Jesus selbst wird genannt  --  Mahatma Gandhi, Mutter Teresa.


Bossi hört unserer Diskussion einige Minuten interessiert zu. Dann unterbricht er das Ganze, bevor es ausufert. Mit Nachdruck verschafft er Corinna erneut Gehör für ihr Referat.

Die Grabeskirche steht dort, wo Jesus gekreuzigt,wie auch im Felsengrab beigesetzt worden sein soll.


 

„Außer für die Moslems und die Juden ist Jerusalem auch für viele Christen wichtig. Aber es ist nicht speziell der Tempelberg, der wichtig ist, wichtig sind die Stadt, das ganze Land Israel, solche Stellen, wo sich Jesus aufgehalten haben soll. Natürlich ist Jerusalem vielen Christen besonders wichtig, weil hier der Ort der Kreuzigung, Beerdigung und Auferstehung Jesu war.“


„Übrigens: hier oben, wo wir jetzt stehen,  ---  hier soll es gewesen sein, sagt eine alte Tradition, dass Jesus die Erde wieder verließ, um zum Vater, zu Gott, zurückzukehren.“ Corinna zitiert am Ende ihres Referates Worte aus dem Glaubensbekenntnis:


„… gekreuzigt, gestorben und begraben

hinabgestiegen in das Reich des Todes

am dritten Tage auferstanden von den Toten

aufgefahren in den Himmel …


Viele Christen glauben, dass der Ort des irdischen Abschieds Jesu von seinen Freunden hier oben gewesen ist. Aber es gibt eine andere Tradition, die davon spricht, dieser Ort hätte beim See Genezareth gelegen. Wissenschaftlich lässt sich zu Christi Himmelfahrt nichts sagen. Das ist eine Glaubensaussage,“  schließt Corinna ihr Referat, „aber Jerusalem ist eindeutig der Todesort Jesu gewesen.“



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Im Uferschlamm des Sees Genezareth wurden 1986 Teile eines antiken Bootes geborgen. Datiert wird sein Gebrauch in die Zeit zwischen 100 v. Chr. und 70 n. Chr. Es konnte 15 Passagiere, einschließlich einer fünfköpfigen Besatzung, aufnehmen nebst einem ca. 300 m langen Fischernetz.


„Der Petrus Fisch hat wohl gemundet.“ So geschwollen zu reden, hätte eigentlich einen Sack voll ironischer Bemerkungen hervorrufen müssen. Aber irgendwie passte dieser Gefühlsausbruch Bi-nes in unsere Stimmung. Die Hitze ging zurück. Eine ganz leichte Brise erhob sich und strich über die Wasser des Sees Genezareth. Abendstimmung  -  Feierabendstimmung kam auf.


“Der Petrusfisch hat wohl gemundet.“ – Mit diesem Satz war ein Thema angeschnitten, das gut zum See Genezareth passte: Wie war das mit den Anhängern Jesu gewesen? Einige von ihnen waren ja Fischer – eben auch dieser Petrus, dem der Fisch seinen Namen verdankt.


Für diesen Bereich war Vera zur Expertin geworden. Wie wir alle unterschied sie in ihrem Kurzre ferat zwischen dem, was man historisch weiß, und dem, was aus welchen Gründen auch immer mit den Fakten vermischt worden war, aber nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach.

Jesus hatte einen Kreis von Anhängern, Schülern, also Jüngerinnen und Jüngern um sich. So wie andere religiöse Lehrer seiner Zeit wurde er von ihnen Rabbi genannt. Dieser Kreis bestand hauptsächlich aus einfachen Leuten. Es waren auch einige Frauen dabei! Das trennte Jesus von der Normalität seiner Zeit. Für ihn waren im krassen Gegensatz zu anderen Rabbis auch Frauen vollwertige Gesprächspartner bei religiösen Fragestellungen.

 

Ein Rabbi war, wie Vera erklärte, kein gewöhnlicher Lehrer, der irgendwelches Wissen vermittelte. Er lehrte vielmehr, „richtig“ zu leben, so zu leben, dass man im Rückblick auf sein Leben würde sagen können: „So war mein Leben in Ordnung. Hätte ich eine zweite Chance, ich würde in mei-nem Leben im Großen und Ganzen nichts verändern, denn es war gut.“


Meine Gedanken hakten sich hier fest. Ich fragte mich, ob mich das reizen könnte: Jemanden zu kennen, der weiß, wo es lang geht. Nicht übel dieser Gedanke! Man könnte sich total sicher sein, dass man richtig liegt und richtig lebt.

Vera berichtete weiter, Jesus habe seine Jüngerinnen und Jünger zumeist selbst ausgewählt, aber einige schlossen sich wohl auch von sich aus seinem Kreis an.


Bine warf ein, sie habe im Konfi – Unterricht die zwölf Jüngernamen gehört, aber das seien alles nur Männernamen gewesen. Ob Vera das erklären könne?

“Ja , du hast recht“, sagte Vera. „Deine Frage führt uns zu zwei Problemen, nämlich ob Jesus wirk-lich zwölf besondere Jünger gehabt hat und wie er sich gegenüber Frauen verhalten hat.“   ---   Die erste Frage, meinte Vera, sei ihr Gebiet, aber das Thema ‚Jesus und die Frauen’, das sei Wilfrieds Sache. Mit dieser Frage habe der sich besonders intensiv beschäftigt.


„Also zur Zwölferzahl,“ fuhr Vera fort. „Das geht nicht auf Jesus selbst zurück, sagen die Historiker. Jesus hatte schon einen engeren Kreis von Jüngerinnen und Jüngern, die ihm besonders intensiv verbunden waren. Aber wie viele das waren und wie sie genau hießen, das ist nicht bekannt. Die Zwölfer - Gruppe hat es so, wie es im Neuen Testament geschildert wird, nie gegeben.“


Vera erklärte uns, dass die Zahl „12“ im jüdischen Glauben von theologischer Relevanz sei. Des-halb war es für die erste christliche Gemeinde, die ja ursprünglich selbst jüdisch war, wichtig, von einem Führerkreis von zwölf Leuten zu sprechen. Die theologische Aussage, die sich hinter der 12 versteckt, sei die: So wie die zwölf Stämme des Gottesvolkes Israel aus den zwölf Söhnen Jakobs hervorgegangen seien, genauso gehe das neue Volk Gottes ‚die Christenheit’ auch aus zwölf Männern hervor. Dieser Gedanke habe dazu geführt, dass von zwölf Jüngern Jesu gesprochen wurde und dass Markus das so in seinem Evangelium beschrieben hat. Später haben sich dann die Jerusalemer Christen vermutlich wirklich zwölf Männer als Leitungsgremium gewählt. Das wa-ren dann die Apostel.

Zum Abschluss betonte Vera noch einmal: „Die Anhängerschaft Jesu, die ihn als Lebenslehrer sah, ist historisch sehr gut belegt. Die zwölf Jünger hingegen haben nur theologische Bedeutung. Sie sind als Gruppe jedoch nicht wirklich nachweisbar.“



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In der Geburtskirche: Der goldene Stern markiert die Stelle, wo Jesus als Baby in der Krippe, also in einem  Futtertrog gelegen haben soll.




In der folgenden Nacht schlief ich schlecht. Ich träumte wirres Zeug. Unrasierte Bauerngesichter tauchten auf. Die Bauern hatten Beduinenschals um den Kopf gebunden und zusätzlich darüber auch noch Kronen auf. Sie brachten golden eingepackten Schafskäse in eine Felsenhöhle. Drinnen war es duster und Schafe blökten. Ein kleines, noch Blut beflecktes Kamel war gerade geboren worden.


Ich schüttelte mich, um ganz wach zu werden. Mir war sofort klar, wie dieser Traum entstanden war. Es war eine Erinnerung an unseren Besuch in Bethlehem. Bis dahin hatte ich geglaubt,, dass Jesus in Bethlehem zur Welt gekommen war. Aber dann kam Mareikes Referat.


An diesem Morgen im Bett ging mir all dies noch einmal durch den Kopf. Mareike hatte gesagt, geschichtlich sei es höchst unwahrscheinlich, dass Bethlehem der Geburtsort Jesu gewesen war. "Nur aus theologischen Gründen ist der Ort Bethlehem zum Geburtsort Jesu geworden. Matthäus und Lukas verlegten die Geburt dorthin, um Jesu Wichtigkeit zu betonen. Bethlehem war nämlich nach biblischer Tradition und jüdischem Glauben der Herkunftsort des Königs David gewesen. Wenn nun Jesus dort geboren wird, dann soll das aussagen: ‚Jesus stammt von David ab. Er hat königliches Blut in seinen Adern. Er wird wie David ein großer König werden und Israel Freiheit bringen.’  Außerdem wollen die Evangelisten mit der Armut Marias und Josefs sagen, dass der in der Geburt Jesu auftauchende Gott ein Gott der armen, hilfsbedürftigen Leute ist. Und das bezeugen sogar Wissenschaftler und Weise, die so genannten Heiligen - Drei - Könige."

Das Fazit von Mareikes Referat war dies: „Historisch betrachtet, wissen wir gar nichts über Jesu Geburt. Wir kennen weder den Ort, noch das Jahr. Und über seine Kindheit und Jugend wissen wir genauso wenig.“  Ziemlich ernüchternd für viele von uns – dieses Fazit der Geschichtswissenschaften.

In der Regel  kommentiert Bossi unsere Referate nur wenig. Wenn er nur mit dem Kopf nickt, dann ist die Sache geritzt. Jetzt aber drängte es ihn, einen Satz zu ergänzen. Er betonte zunächst, dass er als Historiker alles, was Mareike vorgetragen hatte, auch so sah. Und dann fuhr er fort: „Aber schüttet jetzt nicht die Geburts – Erzählungen weg, als seien sie gar nichts wert. Ihr Wert ist vielmehr dadurch, dass in ihnen eine Predigt des Glaubens enthalten ist, noch größer, als wenn nur historische Infos enthalten wären. In den Weihnachtsgeschichten begegnen wir dem Glauben der frühen Christen: Sie haben Gott erfahren als ihren Gott. Er war auf ihrer Seite, auch wenn sie arm und ohne jeden Einfluss waren.“



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Am See Genezareth

Cool. – Mit Bossi lässt sich leben. Im Grunde ist heute ja Nazareth dran. Statt dessen liegen wir am Seeufer und chillen. Studienfahrt – hin oder her – das Relaxen braucht man ja schließlich auch.


Zu diesem zusätzlichen Strand  - Vormittag kam es, weil Chrisse nach dem Frühstück den Vorschlag gemacht hatte, er könne doch sein Kurzreferat sofort halten und nicht erst vor Ort in Nazareth, wo uns der Bus hinbringen sollte. Er meinte, von dem Dorf Nazareth, das vor 2000 Jahren existierte, sei heute ja absolut nichts mehr zu sehen. Und wir könnten dort nichts anderes erleben, als wir schon an anderen Orten gesehen hätten. Und dann fragte Chrisse so ganz nebenbei, ob es denn dann wirklich sinnvoll sei, dorthin zu fahren.


Das war der nötige Zündstoff. Ohne auch nur auszuatmen, griff Bine diese Idee sofort auf.     ---    „ Ja, ein Ruhetag  …  Erlebnisse verarbeiten  …  Eindrücke, sich setzen lassen.“  – Diese Stichworte fielen und die Gegenwehr Bossis war eher lahm. Klar. Er bestand auf dem Referat und auf konzentriertem Zuhören.  …  und erst danach der Sprung ins Wasser des Sees Genezareth. Wir würden also statt nach Nazareth zum Strandbad am See Genezareth fahren. „Das ist ok!,“ meinte Bossi.  „Und nachmittags sind wir dann ja schon in der Nähe der nächsten Station unserer Reise   ---   am Jordan, wo Johannes der Täufer gepredigt hat.“


Chrisses Referat beschäftigte sich – wie angekündigt – mit Nazareth. Er ging der Frage nach Jesu Herkommen nach: Familie, Gesellschaft, Beruf und anderes Alltägliches, was über Jesus bekannt ist.


Mehrmals wiederholte Chrisse in seinem Referat einen Gedanken, der ihm besonders wichtig war. Es sei so, sagte er, dass, wenn man zur Zeit Jesu über Mitmenschen etwas schriftlich festhielt, dass das immer das Besondere dieser Menschen gewesen sei. Erst in der heutigen Zeit habe sich das verändert, so dass es moderne Romane gibt, in denen ein bestimmter Mensch und dessen Alltag – manchmal Minute für Minute – geschildert wird. Für die Antike, so Chrisse, gelte aber dies: Entweder wird ein ganzes Volk oder eine Stadtbevölkerung mit dem dazu gehörigen Alltagsleben beschrieben oder aber es wird bei einem einzelnen, bestimmten Menschen das Besondere geschildert.


Chrisse fuhr fort: „Hätte Jesus zum Beispiel als Kind einen Unfall gehabt und ein Auge oder ein Bein verloren – mit Sicherheit wäre dies in den Evangelien erwähnt worden. Da dies nicht der Fall ist, ist davon auszugehen dass sein Leben ganz normal verlaufen ist und dass Jesus normal ausgesehen hat und normal gekleidet war. Jesus war bis zu seinem öffentlichen Hervortreten ein gewöhnlicher Dorfbewohner, der hier in Galiläa lebte. Über die Zeit, bevor Jesus als Wanderprediger durch Galiläa zog, lassen sich also lediglich solche Aussagen machen, die allgemein für alle männlichen Dorfbewohner Galiläas gelten.“


Obwohl wir alle bereits in Gedanken im oder am Wasser des Strandbades lagen, konnte Bine sich in ihrem Wissensdurst nicht zurückhalten. Etwas detaillierter könnten die Infos schon sein, meinte sie. Es wäre doch wichtig, zu wissen, wie zum Beispiel Jesus ausgesehen habe, ob er zum Bei-spiel einen Bart hatte und lange Haare.


„Einen Steckbrief oder eine Biografie über Jesus zu schreiben, ist nicht möglich,“ antwortete Chrisse. „Aber man kann einen Steckbrief für einen normalen Dorfbewohner seiner Zeit aufstellen. Der sieht dann in etwa so aus:


>> Dunkle Haarfarbe, kein Bartträger.

>> Aramäisch sprechend, wie auch die sonstige Bevölkerung in Israel und den umliegenden Ländern.

>> Kann hebräische Texte lesen und verstehen, was für Jungen, aber nicht für Mädchen gilt.

>> Kennt sich aus in der Thora, die die Regeln für das Leben vorgibt.

>> Seine Bildung besteht aus dem, was der Alltag und die jüdischen, religiösen Schriften den Menschen vermitteln.

>> Volkszugehörigkeit: Israelit

>> Religionszugehörigkeit: Jude

>> Kleidung: ein viereckiges, großes Leinentuch mit drei Löchern als Überwurf. Sandalen. Eine große, feste Decke ist ein ganz wichtiges Besitzstück als Schutz gegen die Kälte  --  tags über, wie auch nachts..

>> Berufliche Tätigkeit: Damals vor 2000 Jahren war es die Regel, dass Buben den Beruf des Vaters erlernt haben. Mädchen lernten bei der Mutter. Die Kinder waren von klein auf bei den Eltern und eigneten sich so Fertigkeiten an, indem sie sich bei ihnen diese abguckten.

>> Großfamilie. Eine ganze Anzahl Geschwister, Brüder und Schwestern.


>> Das soziale Umfeld war das dörfliche Leben in der Provinz Galiläa. Nazareth hatte zum Beispiel nicht mehr als circa 200 Einwohner.

Einfaches Einraum –

Wohnhaus für Mensch

und Tier


>> Bekannt ist dem Dorfbewohner städtisches Leben aus der Provinzhauptstadt Sepphoris, die nur ungefähr 10 km von Nazareth entfernt liegt. Dort lebt der damalige Herrscher und dort sind wohl auch römische Soldaten stationiert.

>> Bauhandwerker fanden dort Arbeit.

>> Die Bauern der Gegend verkauften dort ihre Güter, die sie über den Eigenbedarf hinaus produziert haben.

>> Durch Wallfahrten nach Jerusalem, bei denen 130 km zurückgelegt werden mussten, ist die Hauptstadt mit ihrem Reichtum, wie mit ihren freizügigeren Lebensformen bekannt.


Speziell auf Jesus angewandt ist Folgendes festzuhalten, von dem Geschichtswissenschaftler sagen, dass es sehr wahrscheinlich zutrifft:

>> Jesus wurde einige, wenige Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung in Nazareth geboren, wo er auch lebte. Als alternativer Wohnsitz ist auch Kafarnaum, ein Ort am Ufer des Sees Genezareth möglich.

>> Anfang der dreißiger Jahre des ersten Jahrhunderts wurde er in Jerusalem hingerichtet.

>> Jesu Eltern waren Maria und Josef.

>> Er hatte Schwestern und Brüder. Wie üblich sind nur einige Namen von Brüdern überliefert. Sein Bruder Jakobus wurde nach Jesu Tod als Vorsteher bei den ersten Christen aktiv.

>> Beruflich arbeitete Jesus als Zimmermann oder Bauhandwerker wie sein Vater."


Chrisse atmete tief durch. Er trank einen Schluck Orangensaft, in dem das Eis bereits geschmolzen war, und dann kam er zum Schluss: „Wie gesagt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Jesus öffentlich auftrat und von sich reden machte, ist eigentlich nichts Konkretes über ihn bekannt. Für seine Kindheit oder Jugend hat sich nämlich niemand wirklich interessiert. Interessant wurde Jesus erst in dem Moment, als er seine religiöse Botschaft verbreitete.“

 

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