Design für Gott (II) -- Tintilou - Erzählung

Thema: Jesus von Nazareth

Mensch oder Gott oder wer?

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Design für Gott (II)

Aufgabe3:

a.  Bilden Sie mit drei Mitschülerinnen oder Mitschülern eine Kleingruppe!

b.  Lesen Sie gemeinsam die folgende Erzählung!


Der Meister von Tintilou


Tintilou (Burkina Faso), 18. Dezember 1987


Zum Glück fährt mich heute Chatté. Mit Mamadou als Fahrer wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Aber Chatté wird das Mooré des Meisters fließend übersetzen  können. Die Sprache der Mossi habe ich nie gelernt. Das war mir zu anstrengend. Und wofür wäre es gut gewesen? Über kurz oder lang werde ich ja doch ganz woanders auf dem Erdball arbeiten.

Das ist schon kurios, dass ich überhaupt einen Dolmetscher brauche  --  völlig ungebildet der Meister. Er spricht weder Englisch, noch Spanisch, keinen Brocken Französisch. Und auch sonst ist er fast gänzlich ohne Schulbildung, kennt sich, wie man hört, nur gut in den Traditionen seines Volkes aus. Das ist ein bisschen wenig für die Welt von heute.


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Auf der N1 nach Tintilou

Momentan sitze ich im Schatten eines Mangobaumes vor dem Schulgebäude von Tintilou. Ich ärgere mich über mich selbst.

Als wir gegen Mittag aus Ouagadougou (lies: Wagadugu), der Hauptstadt Burkina Fasos, losfuhren, war es bereits Schweiß treibend heiß. Nur idiotische Touristen sind um diese Tageszeit auf der Piste -- na ja und natürlich ähnlich idiotische Journalisten, die einer Sensation nachjagen.


Die Fahrt in Richtung Koudougou auf der N1,  auf einer der gut ausgebauten Teerstraßen dieses afrikanischen Landes, verlief glatt. Nur einige Kilometer vor Kokologho hätten wir fast die Abfahrt nach Tintilou verpasst. Kein Schild, kein Hinweis. Glücklicherweise ist Chattés Auge geschult. So übersieht er nicht die Stelle, an der viele andere Autos vor ihm in den Busch abgebogen sind.


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Die Zeit verrinnt. Immer noch sitzen wir im Schatten des Mangobaumes und warten.  ---   Wir warten auf den Meister.


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Der „Meister“ ist für seine Schüler Religions - Lehrer, Gottes - Gelehrter. Seine Schüler und sein Freundeskreis stammen von hier - - Bauernburschen, Hilfsarbeiter aus Ouaga, Kuh- und Ziegenhirten. Pikant ist, dass auch einige reiche Frauen aus dem Geldadel dabei sein sollen, die den Lebenswandel des Meisters finanzieren. Alles in allem also eigentlich kein Gesindel  ---   normale Landbevölkerung, aber eben ohne Durchblick. Sie glauben noch an eine bessere Zukunft und Gott soll die bringen. 


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Bis nach Ouagadougou ist der Ruf des Meisters vorgedrungen. Deshalb warte ich hier und hoffe, mit einer spektakulären Story aus dem Busch zurückzukehren.

Das wäre es: Etwas zu finden, das aus diesem völlig unwichtigen Land am Rande der Sahara seinen Weg fände in die Spalten der Zeitungen rund um die Welt.

Andererseits: Seit heute früh geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf: Ouagadougou, die Hauptstadt, ist für die Welt völlig unwichtig, wie total überflüssig ist dann dieses Kuhdorf Tintilou?

Und doch: Ich sitze mit meinem Fahrer hier in Tintilou. Das ist das allerletzte Ende der Welt, so denke ich.


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Was will ich hier? - - Was soll das denn, dass ich hier warte?  --  Ich warte auf einen ungebildeten, jungen Mann, Ende 20, gelernter Handwerker. Jetzt Wanderprediger. Von ihm wird behauptet, er könne Kranke durch Handauflegen heilen.

Von der Sorte gibt es 1000 andere in Burkina. In Ouagadougou muss ich nur auf den Central - Markt gehen. Jeder zweite Menschenauflauf dort hat solch einen selbsternannten Heiler zum Mittelpunkt. Und ich Trottel fahre gut 40 Kilometer, um den Meister zu treffen.

Was will ich hier?  --  Ich persönlich bin kerngesund. Ich brauche keinen selbst ernannten Heiler. Ich brauche auch keine religiöse Belehrung. Was will ich also hier? --  Okay, ich muss Geld verdienen. Und vielleicht finde ich ja hier die Story, die mich bekannt macht, so dass ich endlich von hier wegkomme und dort lande, wo wirklich das Weltgeschehen pulsiert --- Washington, Peking, LA.

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Stunden sind vergangen.  --  Die Sonne ist gewandert. Der Schatten ist gewandert. Wir sind mitgewandert, um im Schatten zu bleiben. Der Meister lässt auf sich warten.

Die Wahrheit ist: Ich bin gar nicht mit ihm verabredet. Er weiß nicht, dass ich warte. Ich bin auf gut Glück hier, weil ich gehört habe, der Meister sei hier täglich anzutreffen. Heute ist halt nicht täglich. Ich wechsele mit Chatté einen Blick. Er zuckt die Schultern. Nichts zu machen, heißt das.

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Bevor wir Tintilou verlassen, halten wir am „Supermarkt“. Ich brauche Kaugummi - Nachschub, Pfefferminzgeschmack. Der Verkäufer spricht leidlich gut französisch.





Ja. Er kenne den Meister, sagt er. --  In der Tat, der könne von Gott reden, wie kein zweiter. Und anders als die Priester im Gottesdienst.

Ich frage, ob das mit den Krankenheilungen das Besondere sei.  --- „Nein“, meint er und er ergänzt: „Der Meister teilt alles. Er will nichts für sich. Er besitzt nichts. Und wenn er einmal etwas hat, dann gibt er das denen, die es brauchen. Irgendwie so, ---  so ist er! Das ist das Besondere an ihm.“




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Ouagadougou (Burkina Faso), 3. Juli 1989


Damals im Dezember vor 2 Jahren hätte ich doch etwas mehr Geduld aufbringen sollen, als ich den Meister in Tintilou treffen wollte.

Zu spät.

So kann ich heute also nicht auf persönliche Eindrücke zurückgreifen. Schade!


Ich warte wieder auf ihn. Diesmal ist es ein Mangobaum am Hinrichtungsplatz von Ouagadougou. Diesmal warten viele andere mit mir. Auch die Zeit für sein Erscheinen ist diesmal festgelegt. Es wird kein endloses Warten sein.


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Er soll erschossen werden, der Meister.  --  Man hat ihm den Prozess gemacht wegen regierungsfeindlicher Äußerungen. Höchstwahrscheinlich wurde er missverstanden. Er sprach religiös, man verstand ihn politisch.

Ist doch klar: In solch brisanter, politischer Lage muss man vorsichtig sein. Aber davon versteht einer vom Dorfe natürlich nichts.


Er soll gesagt haben: „Wer die Kleinen und Schwachen nicht schützt, der wird den Segen Gottes verlieren.“  Das hat die Regierung als massive Kritik verstanden.  ---   Was esim Endeffekt ja auch ist!! Allerdings  --  es ist ratsam, so etwas heutzutage nur zu denken und nicht laut auszusprechen.


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Also, solche und ähnliche Äußerungen hat die Regierung als Kritik gehört und als der Meister dann auch noch nach Ouagadougou kam, ließ sie ihn mit fadenscheinigen Gründen verhaften und machte ihm mit falschen Zeugen einen kurzen Prozess.

Nun warte ich auf seine Hinrichtung. Die Soldaten mit den geschulterten Gewehren sind bereits aufmarschiert.


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Ich denke darüber nach, ob mein Bericht morgen Platz finden wird in den  internationalen Zeitungen   ---  vielleicht in der Rubrik “Aus aller Welt“.

Aber - - vielleicht sollte ich doch besser selbst meinen Artikel unterdrücken. In diesen brisanten, politischen Zeiten wird so schnell alles Mögliche missverstanden. – Vielleicht ist ein ehrlicher Bericht doch zu gefährlich. Man könnte auch mich ohne viel Aufhebens wegen unerlaubter Kritik an der Regierung verhaften.


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Peking (China), 10. September 1994


Ich bin eingeladen in einen Kreis von „Verrückten“. Es war ohne Zweifel  Zufall, dass ich genau in dieses Taxi am Flughafen einstieg. Dann das Gespräch.


Woher ich käme?    ---    Aus Burkina Faso.

Ob ich von dem Meister von Tintoulou gehört hätte?    ---    Ich war platt. Hier in Peking, im Taxi, mit einem Chinesen als Fahrer. Was wusste der vom Ar...  der Welt?

Ich erzählte, dass ich ihm  --  dem Meister von Tintilou  --  einmal auf der Spur gewesen war.


Dann dies: „Er lebt.!“  - - -   „Er lebt“, hat der Taxifahrer gesagt. „Er lebt!“


„Ich war bei seiner Hinrichtung dabei“, sage ich. „Er ist tot. Er ist definitiv tot!“


„Ja“, sagt der Taxifahrer. „Richtig, er wurde erschossen. Er starb. Sie haben ihn begraben.“ Und er fährt fort: „Trotzdem. – Er lebt. Er lebt. Er hat den Tod besiegt.“



Gut 4 Jahre nachdem ich bei der Erschießung des „Meisters“ aus Tintilou dabei gewesen war, sitze ich in Peking in einem Taxi mit einem Verrückten. Und der lädt mich ein, einen kleinen Kreis mit noch weiteren, ebenso Verrückten kennen zu lernen.


Sie seien alle Schüler des Meisters, sie kämen aus allen Nationen. Er sagt: „Wir teilen alles, was wir besitzen, miteinander. Wir versuchen, eine bessere Welt zu leben. Friedlich, solidarisch, frei, tolerant. Das, was der Meister gewollt hat. Ein Versuch  --  manches gelingt, manches scheitert.“

Der Taxifahrer sucht nach Worten. „Wir versuchen, das neue Leben zu leben. Der Meister hat es vorgelebt.“ Er sagt: Wer so lebe, der lebe Seite an Seite mit Gott  --  und auch er, der Meister, sei dann ganz nah bei ihnen dabei.


Aufgabe 4:

Sie haben bestimmt gemerkt, dass die Tintilou - Erzählung versucht, das Jesus Geschehen in die heutige Zeit zu übertragen. Das kann natürlich nicht in allen Einzelheiten ganz genau passen. Dennoch hat Ihnen die Erzählung hoffentlich geholfen, Ihr eigenes Wissen zu Jesus Christus zu mobilisieren.


Nehmen Sie sich bitte mit den anderen Gruppenmitgliedern noch einmal das Tabellengitter -  Netz vor, in das Sie bereits Ihre eigenen Ideen eingetragen haben, wie ein die Menschen besuchender Gott sein sollte!

Besprechen Sie miteinander, welche Charakterisierungen bei den einzelnen Punkten für den Meister aus Tintilou zutreffend wären! Tragen Sie diese Überlegungen in das Tabellengitter - Netz so ein, so dass die Unterschiede zwischen Ihrem Design für Gott und dem Persönlichkeitsprofil für den Meister / Jesus (???)  sichtbar werden!