Gruppe 2 -- Die außerchristlichen Quellen als Indizien für Jesu Existenz

Thema: Jesus von Nazareth

Mensch oder Gott oder wer?

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Gruppe 2


Die außerchristlichen, literarischen Quellen

als Indizien für die Existenz Jesu


Bei der Frage, ob Jesus überhaupt gelebt hat, ist es sinnvoll zwischen solchen Schriften, die aus der christlichen Anhängerschaft und solchen, die von Gegnern, beziehungsweise Neutralen herstammen, zu unterscheiden. Gerade die Aussagen der nicht christlichen Autoren sind beachtenswert, da bei ihnen kritische Distanz zu christlicher Schönfärberei oder Verfälschung zu erwarten ist. Bei der Sichtung der erhaltenen, schriftlichen Zeugnisse nicht christlicher Autoren aus der Antike sind fünf Stellen zu finden, in denen es einen Bezug zu Jesus von Nazareth gibt.


Ihre Aufgabe wird es zum Abschluss der Gruppenarbeit sein, zu beurteilen, in wieweit die vorhandenen Texte es wahrscheinlich machen, dass Jesus tatsächlich gelebt hat. Oder gibt es in diesen Texten Hinweise darauf, dass die Gestalt „Jesus von Nazareth“ eventuell ein Produkt frommer Fantasie gewesen ist.


Stellen Sie an alle Texte folgende Fragen, bevor sie zu Ihrem abschließenden Urteil kommen!


۞Wie viel Zeit ist zwischen dem eventuellen Tod Jesu und der Niederschrift der Quelle verflossen?


۞Wie lange liegt das Ereignis aus der Geschichte der frühen Christenheit zurück, auf das sich der Autor bezieht?


۞Woher hat der Autor seine Kenntnis über die Ereignisse aus der Geschichte der frühen Christenheit? War er Augenzeuge? Bezieht er sich auf das, was man so erzählt? Was ist im Text selbst über die Herkunft seiner Informationen ausgesagt?


۞Das, was über Jesus selbst berichtet wird – wie wichtig ist es für den Autor? Schreibt er darüber als sein Hauptanliegen oder ist es für den Autor eher ein nebensächliches Geschehen?


۞Wie ist die Beziehung des Autors zu Jesus, beziehungsweise zu den Christen zu charakterisieren? Wie denkt der Autor über diese religiöse Erscheinung?


۞Inwiefern gibt es in den Quellen Anzeichen dafür, dass der Autor daran zweifelt, dass das Berichtete tatsächlich geschehen ist?




3 römische Quellen


Tacitus  (*um 58 n. Chr.,✝um 120)

Er war im Jahre 97 Konsul in Rom, später dann Statthalter der Provinz ‚Asia’. [[ Wichtig ist er für ‚Deutschland’ / Germanien, da von ihm die einzige antike Darstellung Germaniens stammt.]]

Er war ein römischer Geschichtsschreiber, der ein umfassendes Werk in 18 Büchern über die römische Geschichte von Tiberius (14 n. Chr.) bis Nero (68 n. Chr.)verfasst hat. Komplett überliefert sind 12 dieser Bücher; 4 sind unvollständig erhalten; 2 Bücher sind verloren.

Tacitus schrieb auch Annalen (Jahrbücher). Die Annalen wurden zwischen 110 und 120 n. Chr. veröffentlicht.

 

Tacitus: Annales 15, 44

Im Zusammenhang mit einem Bericht über den Brand Roms (64 n. Chr.) und den Versuch des Caesaren Nero, die Schuld dafür den Christen anzulasten, schreibt Tacitus:

Doch keine menschlichen Vorkehrungen, keine Freigebigkeit des Fürsten [des Caesars] oder Sühne der Götter konnte die Schmach entfernen, dass man glaubte, der Brand sei auf Befehl [Neros selbst] gelegt worden. Um also dieses Gerücht niederzuschlagen, schob Nero die Schuld auf andere und belegte mit den ausgesuchtesten Strafen jene Menschen, die das Volk wegen ihrer Schandtaten hasste und Christen nannte.

Ihr Namensgeber, Christus, war unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden. Für kurze Zeit war jene heillose Schwärmerei dadurch unterdrückt, brach aber aufs Neue aus, nicht allein in Judäa, von wo das Unheil ausgegangen war, sondern auch in der Hauptstadt [Rom], in die von überallher alle Gräuel und Schändlichkeiten zusammenströmen und Anklang finden.

Daher wurden zuerst diejenigen [der Christen] ergriffen, die Geständnisse ablegten, sodann auf ihre Angabe hin eine gewaltige Menge Menschen, die weniger wegen der ihnen zur Last gelegten Brandstiftung als wegen ihres allgemeinen Menschenhasses als überführt galten. Mit denen, die zum Tod bestimmt waren, trieb man noch Hohn: in Felle wilder Tiere eingenäht wurden sie von Hunden zerfleischt oder mussten ans Kreuz geschlagen und angezündet nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Beleuchtung brennen.

Seine eigenen Gärten hatte Nero zu diesem Schaustück hergegeben, und gab ein Zirkusspiel, wobei er sich im Kostüm eines Wagenlenkers unter das Volk mischte oder auf dem Wagen stand. So strafbar daher auch jene Menschen waren und so sehr sie die äußersten Strafen verdient hatten, regte sich doch Mitleid, weil sie nicht dem Nutzen der Allgemeinheit, sondern der Grausamkeit eines einzigen geopfert würden.

http://www.gottwein.de/Lat/tac/ann1544.php




Sueton (*um 70 n. Chr.,✝um 130)

1. Zur Person: C. Suetonius Tranquillus stammte aus dem Ritterstand, er arbeitete als Advokat, bis sein Förderer Plinius d.J. ihm den Weg zu höheren Verwaltungsämtern unter Trajan und Hadrian ebnete. Sueton hatte seitdem Zugang zu allen Archiven und verschaffte sich so die Informationen, die er zur Abfassung seiner Kaiserbiographien (De vita Caesarum) benötigte. Diese fast vollständig erhaltenen Viten beschreiben auf unterhaltsame Art in acht Bänden das Leben aller zwölf Kaiser von Cäsar bis Domitian. Sie sind vermutlich zwischen 117 und 122 erschienen.

2.Der Anlass der Erwähnung Christi ist eine Vertreibung der Juden aus Rom unter Claudius (41-54), die auch in Apg 18,2 als Grund für die Übersiedlung Aquilas und Priszillas nach Korinth erwähnt wird: „Claudius hatte nämlich angeordnet, dass alle Juden Rom verlassen müssten." Dies sog. Claudiusedikt ist wahrscheinlich in das Jahr 49 n. Chr. zu datieren.

3.Der Kontext: Die vita Claudii ist wie alle Kaiserviten in einen chronologischen Teil, der den Lebenslauf des Kaisers nachzeichnet, und einen sachlich geordneten Bericht über seine Tätigkeiten gegliedert. In Claudius 25 zählt Sueton das Verhalten des Kaisers gegenüber verschiedenen fremden Völkern auf und kommt dabei auch auf die Juden zu sprechen.

4.Die Aussage über Christus, der mit „Chrestus" gemeint sein wird, lautet folgendermaßen (Claud 25,4): „Judaeos impulsore Chresto assidue tumultuantes Roma expulit." > < Die Juden, die, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom.

5.Die Quelle Suetons ist unbekannt, aber sicher nicht christlich. Entweder beruht die Nachricht auf einem vagen Gerücht, oder Sueton hat einen amtlichen Bericht eingesehen und missverstanden.

6. Historisch zutreffende Kenntnisse über Christus hat Sueton nicht, denn er nimmt anscheinend an, dass [jemand mit Namen] „Chrestos" der Anstifter der Unruhen in Rom zur Zeit des Claudius war. Tatsächlich aber dürfte es unter den römischen Juden wegen der christlichen Missionspredigt über den Messias (= Christus) zu Unruhen gekommen sein, woraufhin Claudius die Wortführer ausweisen ließ.

Der historische Jesus: Ein Lehrbuch von Gerd Theißen, Annette Merz, Göttingen 2011, S. 90


Anmerkung: Gäbe es nur das Sueton - Zitat, so könnte man genauso berechtigt davon ausgehen, dass hier ein Sklave namens Chrestos (der Brauchbare) Ursache für die jüdischen Unruhestiftungen war. Die Erwähnung der Ausweisungen der Juden aus Rom in der Apostelgeschichte (NT) macht solches Verstehen aber unmöglich, da sich Lukas und Sueton nicht kannten. Hier überschneiden und ergänzen sich biblische Geschichtserzählung des Lukas und säkulare Geschichtsschreibung durch Sueton.




Plinius (*61 / 62 n. Chr., ✝um 113)

Er war hoher, römischer Beamter, der mit vielen wichtigen Leuten korrespondierte (auch mit Tacitus und Sueton). Seine Briefe sind in neun Büchern veröffentlicht. Die heutige Geschichtswissenschaft bestätigt die Echtheit seiner Briefe.


Zur Rechtslage der Christen im römischen Reich: Der Briefwechsel zwischen Plinius und Trajan (Plinius d. J., Briefe 10, 96 f.)

In der Zeit zwischen 109 und 113 wurde Plinius der Jüngere in der außerordentlichen Stellung eines kaiserlichen Legaten „mit der Vollmacht eines Konsuls“ nach Bithynien und Pontus geschickt, um dort als verlässlicher Beamter die verlotterten Zustände in Ordnung zu bringen. So kam er zum ersten Mal auch mit dem Christenproblem als Richter in Berührung. Sein in dieser Angelegenheit mit Kaiser Trajan geführter Briefwechsel bringt alles Wesentliche zu Gesicht, was sich mit einiger Sicherheit über die Rechtsgrundlagen für das Vorgehen der römischen Behörden gegen die Christen bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts sagen lässt. Überdies enthält er den ersten uns bekannten Bericht aus nicht christlichem Munde über den Gottesdienst der Christen; wie er auch den ungewöhnlichen Missionserfolg des Christentums gerade in den von Plinius bereisten kleinasiatischen Landstrichen bezeugt.


(10,96) C. Plinius an Kaiser Trajan:

Es ist meine Gewohnheit, Herrscher, alles, worüber ich im Zweifel bin, Dir vorzutragen. Denn wer könnte besser mein Zaudern lenken oder meinem Unwissen aufhelfen? An Verfahren gegen Christen habe ich noch nie teilgenommen. Darum weiß ich auch nicht, was und wieweit man hier zu strafen und zu untersuchen pflegt. Auch war ich mir einigermaßen unsicher, ob ein Unterschied [in der Bestrafung] aufgrund des Alters zu machen sei oder ob man ganz Junge genau so behandeln solle wie Ältere; ob ferner Reue Straffreiheit bewirke oder ob es einem, der einmal Christ gewesen, gar nichts nütze, wenn er es nicht mehr ist; ob [schließlich] der bloße [Christen-] Name auch wenn keine Verbrechen vorliegen, oder [nur] die mit dem Namen zusammenhängenden Verbrechen bestraft werden müssen.

Einstweilen bin ich mit denen, die mir als Christen angezeigt wurden, folgendermaßen verfahren: Ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Gestanden sie, so habe ich ihnen unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal dieselbe Frage gestellt; beharrten sie [bei ihrem Geständnis], so habe ich sie [zur Hinrichtung] abführen lassen. Denn ich zweifelte nicht: Was immer sie gestehen mochten, so verdienten allein schon ihre Hartnäckigkeit und ihr unbeugsamer Starrsinn Bestrafung. Andere, die einem ähnlichen Wahnsinn verfallen waren, habe ich, weil sie das römische Bürgerrecht besaßen, zur Rückführung nach Rom vormerken lassen.

Wie es aber zu gehen pflegt, nahmen auf das gerichtliche Einschreiten hin bald die Anschuldigungen zu und kamen weitere Fälle zur Anzeige. Eine anonyme Anklageschrift wurde vorgelegt, die zahlreiche Namen enthielt. Die leugneten, Christen zu sein oder es je gewesen zu sein, habe ich entlassen zu können geglaubt, sobald sie, nach meinem Vorgang, die Götter anriefen und deinem Bild, das ich mit den Götterstatuen zu diesem Zweck hatte herbeischaffen lassen, mit Weihrauch und Wein opferten, außerdem noch Christus lästerten - alles Dinge, zu denen sich, wie es heißt, überzeugte Christen niemals zwingen lassen. Andere von dem Denunzianten Genannte gaben erst zu, Christen zu sein, widerriefen aber gleich darauf: sie seien es wohl [einmal] gewesen, hätten es aber [längst] wieder aufgegeben, [und zwar] manche vor drei, manche vor [noch] mehr Jahren, ein paar sogar schon vor 20 Jahren. Sie alle haben ebenfalls deinem Bild sowie den Götterstatuen gehuldigt und Christus gelästert.

Sie beteuerten jedoch, ihre ganze Schuld oder auch ihre Verirrung habe darin bestanden, dass sie gewöhnlich an einem fest gesetzten Tag vor Sonnenaufgang sich versammelt, Christus als ihrem Gott im Wechsel Lob gesungen und sich mit einem Eid (sacramentum) verpflichtet hätten – nicht etwa zu irgendeinem Verbrechen, sondern [gerade] zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit und Unterschlagung von anvertrautem Gut. Danach sei es bei ihnen Brauch gewesen, auseinander zu gehen und [später] wieder zusammenzukommen, um ein Mahl einzunehmen, allerdings ein ganz gewöhnliches und unschuldiges; selbst das aber hätten sie nach meinem Edikt eingestellt, mit dem ich entsprechend deinen Verfügungen das Bestehen von Hetärien [Vereinen] verboten hatte. Um so mehr hielt ich es für angezeigt, aus zwei Sklavinnen, sog, >Dienerinnen< (ministrae [=Diakonissen!]), die Wahrheit unter der Folter herauszubekommen. Ich fand aber nichts anderes heraus als minderwertigen, maßlosen Aberglauben.

Daher setzte ich das Verfahren aus, um eiligst deinen Rat einzuholen. Mir schien nämlich die Sache einer Konsultation wert, vor allem um der großen Zahl derer willen, die hierbei auf dem Spiele stehen [oder: die angeklagt sind]; sind doch zahlreiche Angehörige jeglichen Alters und Standes, auch beiderlei Geschlechts, von diesen Untersuchungen betroffen und werden es noch sein, da sich nicht allein in Städten, sondern auch über die Dörfer und das flache Land hin die Seuche dieses Aberglaubens ausgebreitet hat.

Dennoch scheint es möglich, sie einzudämmen und auszurotten. Fest steht jedenfalls, dass man die schon fast verödeten Tempel wieder zu besuchen beginnt, dass die regelmäßigen Opfer, die lange unterbrochen waren, wieder aufgenommen werden und das Fleisch der Opfertiere, für das es eben noch kaum mehr einen Käufer gab, überall wieder Absatz findet. Demnach ist es leicht vorzustellen, welch große Zahl von Menschen auf den rechten Weg zu bringen wäre, wenn man nur ihrer [tätigen] Reue stattgäbe.

(10,97) Trajan an Plinius:

Du hast, mein Secundus, als du die Fälle derer untersuchtest, die bei dir als Christen angezeigt wurden, ein völlig korrektes Verfahren eingeschlagen. Denn es lässt sich [in der Tat] nichts allgemein Gültiges verfügen, das sozusagen als feste Norm gelten könnte.

Fahnden soll man nicht nach ihnen; wenn sie aber angezeigt und überführt werden, muss man sie bestrafen, so jedoch, dass einer, der leugnet, Christ zu sein, und dies durch die Tat, d. h. durch Vollzug eines Opfers für unsere Götter, unter Beweis stellt, aufgrund seiner Reue zu begnadigen ist, wie sehr er auch für die Vergangenheit verdächtig sein mag.

Anonyme Anzeigen dürfen freilich bei keiner Anklage berücksichtigt werden. Denn das wäre ein äußerst schlechtes Beispiel und entspräche nicht dem Geist unserer Zeit.

Ritter, Adolf Martin. Alte Kirche. Vol. 1 of Kirchen- Und Theologiegeschichte in Quellen. Ed. Heiko A. Oberman. 4 vols. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1977, 14-16.  https://www.uni-due.de/~gev020/courses/course-stuff/pliniusjun.htm   (in Auszügen)

 




2 jüdische Quellen


Flavius Josephus (37/38 n. Chr. - ca. 100 n. Chr.)

Er war 66 - 70 Feldherr jüdischer Soldaten beim Aufstand der Juden gegen die römische Besatzung, also feindlich gegen Rom eingestellt. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Rom lief er zu den Römern über und wurde Günstling des siegreichen Feldherren Titus, der kurze Zeit später römischer Cäsar wurde. Josephus ging mit Titus nach Rom. Im Auftrag des Titus stellte Josephus den Kampf zwischen Israel und Rom in dem Werk „Geschichte des jüdischen Krieges" dar. Außerdem schrieb er die historische Abhandlung „Jüdische Altertümer".

Flavius Josephus erwähnt Jesus in seinem um 93 n. Chr. geschriebenen Werk „Antiquitates ludaicae" (deutsch: „Jüdische Altertümer") zweimal, in Ant 18, 63f. und 20, 200.

Ant 18, 63 f.: Um diese Zeit [während der Zeit des Aufstandes gegen Pilatus, ca. 26 n. Chr.] lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorher verkündigt hatten. Und noch bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.

Die Echtheit von Ant 18,63 f. ist seit dem 16. Jh. umstritten, da die fett und kursiv gedruckten Stellen nur von einem Christen stammen können, Josephus aber Jude war. In der Forschung dominiert heute die so genannte Überarbeitungshypothese, die davon ausgeht, dass ein ursprünglich neutraler bis freundlicher Bericht über Jesus christlich überarbeitet wurde. Eine solche Art der Darstellung entspräche auch der des Josephus über Johannes den Täufer und über den Herrenbruder Jakobus (s.u.).

Ant 20,200: Zur Befriedung dieser seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus [Hoherpriester] auch jetzt, da Festus [Prokurator von Judäa] gestorben, Albinus [Prokurator von Judäa] aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben. Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor dasselbe den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ. [ca. 62. n. Chr.]

Wie die rekonstruierte Originalform des ersten Textes lässt auch dieser Text ein neutrales bis freundliches Interesse an Jesus und den Christen erkennen. Die Identifizierung des Jakobus über seinen Bruder Jesus lässt darüber hinaus den Schluss zu, dass Josephus diesen Jesus für den bekannteren von beiden hält, möglicherweise weil er ihn seinen Lesern schon in Ant 18,63 f. vorgestellt hat. Der Beiname »Christus« unterscheidet ihn dabei aus der Sicht des Josephus von den vielen anderen Personen mit Namen »Jesus«.

A. Strotmann, Der historische Jesus: eine Einführung , Paderborn 2012, S. 37f (in Auszügen)

 





Die erste Seite des ersten Talmud - Traktates - hebräisch. Im Mittelteil der Torah - Text - außen herum die Kommentare unterschiedlicher Theologen und Rabbiner

Der Talmud

Der Talmud ist das große Sammelwerk der rabbinischen Toraauslegung, entstanden zwischen 100 n. Chr. bis ca. 500 n. Chr. Er besteht zu großen Teilen aus Diskussionen, wie Juden angemessen leben sollen. Es geht um das Feiern alljährlicher Feste, um Eherecht und Familie, um das Strafrecht. Der Talmud enthält einen Text, der eventuell - wenn auch in dunkler, schwer interpretierbarer Weise - auf den Prozess Jesu und seine Kreuzigung Bezug nimmt:


„Am Vorabend des Passa hängte man Jeschu [den Nazarener (bzw. „den christlichen")]. Ein Ausrufer ging 40 Tage lang vor ihm her (mit den Worten): Er wird zur Steinigung hinausgeführt, weil er Zauberei getrieben und Israel verführt und abtrünnig gemacht hat. Wer etwas zu seiner Verteidigung zu sagen hat, der komme und bringe es vor. Da aber nichts zu seiner Verteidigung vorgebracht wurde, so hängte man ihn am Vorabend des Passa." Babylonischer Talmud, Sanhedrin 43a


Einer historischen Auswertung des viel zitierten Textes stehen kaum überwindbare Schwierigkeiten entgegen:

Ist hier überhaupt Jesus von Nazaret gemeint? Das ist unsicher: Der bloße Name „Jeschu" bleibt mehrdeutig .... Sollte ursprünglich Jesus gemeint sein, fällt es schwer, diesen Text mit dem zu verbinden, was die übrigen Quellen berichten: Er scheint von einer Steinigung (deren Vollzug er nicht erwähnt) und der anschließenden Aufhängung des Toten zu berichten. Dieses Verfahren entspricht dem, was der babylonische Talmud für die Gesteinigten bzw. die „Lästerer" und „Götzendiener" unter ihnen vorsieht. Es widerspricht dem, was die anderen Quellen berichten. Man müsste also annehmen: Entweder weiß der Verfasser nichts Genaues über den Tod Jesu. Oder er konstruiert ihn ohne Rücksicht auf die historischen Gegebenheiten so, dass er mit seiner eigenen Rechtsauffassung übereinstimmt. So oder so ist Sanh 43a für die Frage nach den Umständen des Todes Jesu nicht auszuwerten.

Wolfgang Reinbold, Der Prozess Jesu, Göttingen 2006, S. 38f