Gruppe 1 -- Die Evangelien als Indizien für Jesu Existenz

Thema: Jesus von Nazareth

Mensch oder Gott oder wer?

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Gruppe 1


Die Schriften der frühesten Christenheit (das Neue Testament)

als Indizien für die Existenz Jesu


Unbezweifelbar gibt es um das Jahr 100 nach Beginn unserer Zeitrechnung Schriftstücke, in denen über das Leben eines Jesus, genannt der Christus, berichtet wird. Idealtypisch gesehen gibt es zwei, sich wechselseitig ausschließende Möglichkeiten, wie es zu diesen Texten gekommen ist:


1.

In diesen Texten sind Erinnerungen von Leuten festgehalten, die diesen Jesus gekannt haben. So gesehen ist es eine Voraussetzung der Texte, dass Jesus tatsächlich gelebt hat.

2.

Diese Texte gehen darauf zurück, dass Menschen (in guter Absicht) eine Erlösergestalt fantasiert haben. So gesehen ist es irrelevant, ob Jesus gelebt hat oder nicht.



Faksimile des P 52 / John-Ryland-Papyrus (ca. 100-125 n. Chr.)


Arbeitsauftrag:

Erarbeiten Sie sich aus den beigegebenen Texten die Argumente, die historisch relevant sind, um zu klären, welche der beiden Möglichkeiten 1 oder 2 aufgrund der vorliegenden Texte der damaligen Zeit (NT) den Tatsachen eher entspricht. Sie sollen am Ende der Gruppenarbeit ein begründetes, eigenes Urteil vorlegen.

Beachten Sie bei Ihrer Erarbeitung folgendes: Es geht für Sie in keiner Weise darum, eine Aussage darüber zu treffen, wer Jesus war. Es geht lediglich darum, zu klären, ob die Art wie die neutestamentlichen Schriften entstanden sind und wie in ihnen von Jesus berichtet wird, eher dafür spricht, dass Jesus selbst nie gelebt hat, oder dafür, dass in den Evangelien Erinnerungen an eine tatsächliche Person „Jesus“ enthalten sind.




Die Beantwortung folgender Fragen wird Ihnen den Weg ebnen!


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Was weiß man heutzutage über das Entstehungsjahr / Abfassungsdatum der unterschiedlichen Schriften der frühesten Christenheit / des NT?


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Welcher zeitliche Abstand besteht also ungefähr zwischen dem öffentlichen Auftreten Jesu, bzw. seiner Hinrichtung und den schriftlichen Aufzeichnungen darüber?


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Wie ist der zeitliche Abstand aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit und Genauigkeit dessen, was erinnert wird, einzuschätzen? [Beispiel: Wie wahr / genau sind in Ihren Augen die Berichte ihrer Eltern / Großeltern über wichtige Ereignisse aus deren Kindheit?]


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Die Evangelien sind Schriften, die Erinnerungen an Jesus (wenn er gelebt haben sollte) aufbewahren. Welchen Charakter haben diese Schriften? Liegen hier Augenzeugenberichte vor? Wird Biografisches erzählt? Beruhen die Evangelien eventuell auf kritischen Nachforschungen?


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Sagengestalten und Märchenfiguren sind normaler Weise nicht in bestimmte, konkrete gesellschaftliche und geschichtliche Rahmenbedingungen eingebettet. Was ist über die Jesus Erzählungen in dieser Beziehung zu sagen?


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Eine allgemeine Erfahrung ist es, dass Erzähler dazu neigen, Erlebtes zu dramatisieren und zum Sensationellen hin zu übertreiben. Welches Hindernis gab es, so dass die Evangelisten nicht völlig frei fantasieren, schalten und walten konnten bei dem, was sie über Jesus berichtet haben?


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Wachstafeln (Diptychon/Pinax) mit einem Stylus / Ein Notizbuch aus der Zeit Jesu (Replik)

Es gibt in den Evangelien widersprüchliche Angaben zum Leben Jesu. Welche der beiden völlig unterschiedlichen Bewertungen dieses Sachverhalts halten Sie für zutreffender? Begründen Sie Ihre Position!



TEXTE:


Die Entstehung des Neuen Testaments

Nach Ostern begannen die Christen an verschiedenen Orten (Palästina, Syrien, Ägypten) von Jesu Leben und Botschaft zu erzählen. Im Zentrum stand dabei die Überlieferung von Tod und Auferstehung. Sehr bald wurde sie als »Urbekenntnis« der Christen formuliert (1. Korinther 15,3). Daneben gab es mündliche Überlieferungen von Worten Jesu, von Wundertaten und Erinnerungen an Begegnungen mit ihm. 

Zwei Jahrzehnte lang schrieben die »Nazoräer«, wie man die Christen erst nannte (Apostelgeschichte 24,5), nichts über Jesus auf. Sie glaubten daran, dass er so bald wiederkäme [um zu richten die Lebenden und die Toten  << Weltende], dass man keine dauerhaften Aufzeichnungen brauche. 

Der früheste Text des Neuen Testaments stammt aus dem Jahr 50. Es ist der Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessalonich. Fragen und theologische Auseinandersetzungen in den von ihm gegründeten Gemeinden führten Paulus dazu, wichtige Themen und Konsequenzen seiner Verkündigung auch schriftlich in Briefen darzulegen. Diese Briefe wurden als Zeugnis der apostolischen Auslegung des Evangeliums aufbewahrt und gesammelt. Sie sind die frühesten Schriften des Neuen Testaments. 

Etwa zur gleichen Zeit – d.h. um die Mitte des ersten Jahrhunderts – wird man auch damit begonnen haben, die Überlieferung der Worte und Taten Jesu schriftlich zu fixieren, was dann nach und nach zur Niederschrift der vier Evangelien geführt hat. Auf diese Weise sind bis zum Ende des ersten Jahrhunderts die in unserem heutigen Neuen Testament enthaltenen Schriften entstanden. 

https://www.die-bibel.de/bibelwissen/entstehung-der-bibel/altes-und-neues-testament/


Textgeschichte_des_Neuen_Testaments / wikipedia

Die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testaments ist besser und umfangreicher als die jedes anderen antiken Literaturdenkmals. Die ältesten Textzeugen liegen der Entstehungszeit der originalen Autographen sehr nahe. http://de.wikipedia.org/wiki/Textgeschichte_des_Neuen_Testaments


Die Evangelien sind keine Biographie

Pergament-Kodex aus Äthiopien

Ähnlich ist es im Neuen Testament: Wenn zum Beispiel die Evangelien eine Biographie Jesu von Nazaret hätten sein wollen, dann hätten ihre Autoren sie von vornherein anders angelegt. In einer Biographie halten wir ganz andere Dinge fest, als sie die Evangelien berichten. Da schreiben wir davon, was sich wann und wo genau ereignet hat. Wir beschreiben denjenigen, um den es geht. Wir sagen, wie er sich zu kleiden pflegte, welche Ausbildung er durchlaufen hat, was ihn zu dieser oder jener Zeit bewegte …

Aber davon berichten die Evangelien nichts - weder die Körpergröße Jesu, noch seine Haar- oder Augenfarbe. Über den Zeitraum von beinahe 20 Jahren seines Lebens wird sogar gar nichts gesagt. All dies aber sind doch Themen, die einen Biographen brennend interessiert hätten!

Die Evangelien aber haben nur eingeschränkt biographisches Interesse. Es geht um die Bedeutung, die Jesus für uns hat: eine Dimension, die mit Zahlen und Fakten nur sehr schwer eingeholt werden kann.

Deshalb sind die Evangelien auch nicht so sehr die Geschichte des Jesus von Nazaret. Sie sind vielmehr niedergeschriebene Predigten über den Gottessohn, der in die Welt gekommen ist. ... Sie berichten zuallererst, welche Bedeutung der menschgewordene Christus für uns Menschen hat.

Die Bibel - das sind Predigten über Gott und seinen Sohn Jesus Christus, Predigten von Menschen, gesammelt von Menschen, überliefert von Menschen und von Menschen niedergeschrieben.                     http://www.ebfr.de/html/die_evangelien_sind_keine_biographie.html?t=&




Die urchristlichen Quellen

Das Neue Testament überliefert die Botschaft von Jesus Christus in verschiedenen Literaturformen für verschiedene Zwecke:

•in 21 Briefen an bestimmte christliche Gemeinden oder einzelne Personen mit missionarischen, seelsorgerlichen, praktischen und lehrhaften Inhalten,

•in vier Evangelien, von denen zwei Jesu Geburt, alle vier sein Auftreten, Reden und Handeln, vor allem aber sein Leiden, Sterben und Auferstehen erzählend darstellen, ...

Den historischen Jesus kannte nach heutiger Forschungsmeinung wahrscheinlich keiner der Autoren des Neuen Testaments.[1] Die Paulusbriefe (entstanden 50–60) sind die ältesten urchristlichen Schriften. Ihr Autor erklärt sich zum Augenzeugen des auferstandenen Jesus, den er vorher nicht gekannt habe. Die Paulusbriefe enthalten einige Worte Jesu und biografische Details, aber keine Berichte von seinem irdischen Wirken.

Die vier kanonischen Evangelien (entstanden zwischen 70 und 100) erzählen Jesu Wirken und Schicksal auf verschiedene, auf ihre Adressaten zugeschnittene Weise. ... Ihre Reihenfolge, Auswahl und Darstellung unterscheiden sich aufgrund verschiedener redaktioneller Konzepte; ihre Glaubensaussagen über Jesus stimmen jedoch in den Grundzügen überein und ergänzen einander. Ihre ältesten Bestandteile stammen von Nachfolgern Jesu aus Galiläa, die die Jerusalemer Urgemeinde gründeten und Jesu Worte zuerst mündlich, dann schriftlich weitergaben.  ...

Alle NT-Schriften verkünden Jesus Christus, seine Geschichte, sein Verhältnis zu Gott und seine Bedeutung auf verschiedene, aber im Kern übereinstimmende Weise als „Evangelium“ (Frohbotschaft) für die ganze Welt. Denn ihre Autoren glaubten an die Auferstehung Jesu Christi, die ihnen keine unbeteiligte Mitteilung biografischer Daten ermöglichte. Jesus war für sie kein vergangener gescheiterter Wanderprediger, sondern der zur Rettung aller Menschen aus Sünde und Tod in die Welt gekommene Sohn Gottes, der den Gerichtstod auf sich genommen habe, von Gott auferweckt worden sei, nun für alle Zeiten lebe und sich selbst immer neu in Erinnerung rufe, bis er seine Botschaft am Ende der Zeit selbst wahr machen werde.

Dieser Glaube veranlasste die Urchristen, Gemeinden zu bilden und zu gründen, Jesu Worte zu sammeln, aufzuzeichnen und als jeden angehende Botschaft weiterzugeben. ... So wurde das NT zur Grundlage für das Christentum, das seit etwa 100 als eigene Religion neben dem Judentum hervortrat.       http://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_Christus




Abschrift der Petrusbriefe um 200 n. Chr. auf Papyrus (Faksimile).

Jesus von Nazareth im Umfeld Israels

3.Jesus begegnet uns in den Evv [Evangelien] durchweg als ein ganz bestimmter, einmaliger „Charakter" ... . Es gibt da viele Dinge, die gerade für ihn und nur für ihn typisch und bezeichnend sind, so seine Stellung zu verschiedenen Gruppen seines Volkes, etwa zu den Pharisäern und ihrer Theologie, zu den Zöllnern und „Sündern", zu den Armen. Man beobachtet an seiner Gestalt eine ganz bestimmte Reaktionsweise, die einmalig und nicht nachahmbar ist. Dieser „Charakter" kann keine Erfindung sein. Es gibt, sagt Dahl, „für Jesus Bezeichnendes" (S.117); das gilt bis in seine Sprache hinein.

4.Die „Umwelt" Jesu weist eindeutig auf den palästinensischen Raum, Jesus tritt uns in den Evangelien ... entgegen als einer, der in der Umwelt des Frühjudentums lebt. Diese „Umwelt" Jesu bildet nicht bloß den Hintergrund, sondern überhaupt die Voraussetzung seines Auftretens und Wirkens. Im hellenistischen Raum außerhalb Palästinas hätte z.B. die Auseinandersetzung mit den Pharisäern, die in die Mitte der Verkündigung Jesu führt, gar nicht geboren werden können. Diese Auseinandersetzung mit der pharisäischen Theologie bildet aber wiederum den Hintergrund für die Botschaft vieler Gleichnisse Jesu.

Franz Mußner, Jesus von Nazareth im Umfeld Israels und der Urkirche, Tübingen, Mohr Siebeck 1999, S. 116f,  http://books.google.de/books