unerwünscht - Christmette

Unerwünscht

Christmette




Liebe Gemeinde,

wahrscheinlich war es gar nicht erwünscht - jenes Kind aus jener Nacht von Bethlehem. Wahrscheinlich war es nicht gewollt, und der Vater des Babys war gar nicht sein Vater. Nur die Mutter wusste, wo es herkam - das Kind. Es kam von Gott. Er hatte es geschickt, aber dieser Absender allein, das genügt nur selten, damit ein Baby dann auch gewollt wird.

Dieses Kind hat zunächst Glück. Die Mutter freut sich, der Vater, vielleicht war er ja nur Adoptivvater - der Joseph - er nimmt das Kind als eigenes Kind an. Und so wächst Jesus auf im Dorf Nazareth im Kreis der Familie als Ältester unter vielen Geschwistern.

Als Erwachsener ist er dann wieder nicht erwünscht. Nur wenige halten zu ihm. Die Mehrheit ist gegen ihn. Sogar die eigene Familie will ihn so nicht, wie er ist. Er ist ungewollt, und deshalb wird er getötet, standesgemäß gehängt als Verbrecher. An den Querbalken des Kreuzes schlägt man ein Schild mit dem Urteil: INRI. Das heißt: Jesus aus Nazareth, König der Juden. Aber eindeutiger wäre es gewesen, wenn man ganz schlicht geschrieben hätte: Ungewollt, unerwünscht, Das war das Urteil. Das war das Urteil der Mächtigen und der Masse.

Und dann - ungewollt wird der Schandpfahl zum Siegespfahl. An Ostern wird das Kreuz zum Zeichen des Sieges über Tod und Teufel, zum Zeichen des Sieges über all unsere Sprüche, wenn wir zu anderen sagen: Du bist ungewollt, unerwünscht. Hau ab! Für dich und deinesgleichen ist kein Platz in unserer Welt.

Viele Kinder, liebe Gemeinde, sind ungewollt - sind unerwünscht in unserer Welt. Denken wir doch nur einmal an unsere klugen Gedanken, wenn wir vom Hunger in Indien, in Ghana, in Kolumbien sprechen. Selber schuld, so sagen wir dann oft. Sollen die doch weniger Kinder in die Welt setzen, so sagen wir, dann wären die Probleme leichter zu lösen.

Und wir sind nicht bereit, für diese Kinder zu verzichten. Die hat ja nur Gott geschickt. Nur der, von dem auch jenes Kind in jener Nacht in Bethlehem herkam.

Diese Kinder in Asien und Afrika - sie sind unerwünscht. Und was ist erwünscht?

Ein Auto in der Garage, das Eigenheim  --  volle Gabentische an Weihnachten.

Was ist erwünscht? Raketen und Waffen zur Sicherung des Friedens.

Das ist erwünscht: Der Frieden und der Wohlstand - egal wieviel er kostet.

So viele Kinder, liebe Gemeinde, sind ungewollt - sind unerwünscht in unserer Welt - nicht nur in der Fremde, auch hier unter uns. Kinder - ja gerne - aber bitte schön nicht in der Nachbarschaft - zu laut, zu lebendig. Kinder - ja gerne. Aber bitte schön nicht fürs Berufsleben - zu wenig Ausbildungs-, zu wenig Arbeitsplätze.

Kinder - ja gerne. Aber höflich müssen sie sein, anständig, zuvorkommend, nett. Sogar in manchen Familien ist das Kind unerwünscht, das da mit am Tisch sitzt und nicht so will, wie es soll.

Und, liebe Gemeinde, dieses unerwünscht - es macht ja nicht halt bei den Kindern. Unerwünscht sind auch so viele Erwachsene.

Der Ehepartner - erst gewollt, dann unerwünscht - Scheidung. Der Fremdarbeiter - erst gewollt, dann unerwünscht - geh heim.

Der Arbeitslose, die Friedensbewegung, die Nazis, die Kommunisten, die Kapitalisten ... da bleibt der Atem weg, wenn wir alle aufzählen wollten, die irgendwie nicht gewollt, nicht erwünscht sind – genau so wenig gewollt wie jener Mann aus

Nazareth, der schon bei seiner Geburt unerwünscht in einen Stall mit Krippe abgeschoben wurde.

Wer ist denn eigentlich gewollt?

Ist die Menschheit eigentlich gewollt, wenn wir die Natur, die Schöpfung fragen?

Was würde wohl der Rhein, was würden wohl die Wälder und Tiere antworten, wenn wir sie fragten - wenn wir die Kreatur fragten, ob sie uns will?

Vielleicht, liebe Gemeinde, vielleicht sind wir ja alle mittlerweile unerwünscht auf diesem Planeten, weil die Zerstörung durch uns, um so vieles größer ist, als das Bebauen, Pflegen und Bewahren. Unvorstellbar ist das zumindest nicht.


Ich komme nun zum Predigttext für die heutige Christnacht.

Das ist ein prophetischer Text, in ihm ist vom Unerwünschten und Ungewollten nicht die Rede.

In ihm geht es vielmehr um Gottes Wunsch und seinen Willen für uns. Der Prophet Jesaja drückt das im 60. Kapitel seines Buches so aus:


"Steh auf! Spring auf deine Füße!

Lass Licht in dein Herz scheinen!

Denn es ist Tag und das Licht geht auf!

Der Glanz Gottes geht auf über dir!

Schau hin!

Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker.

Aber über dir strahlt der Herr auf,

und sein Glanz breitet sich aus über dir."


Liebe Gemeinde, - hier in diesem Prophetenwort ist nicht vom ungewollten, vom unerwünschten Menschen die Rede. Hier wird statt dessen gesagt, du bist gewollt, du bist erwünscht. Von Gott her erschallt es im Befehlston: "Steh auf, spring auf deine Füße! Lass Licht in dein Herz scheinen, denn über dir strahlt der Herr auf. Gottes Glanz breitet sich aus über dir."

Das sind ungewohnte Töne in unserer Zeit. Dass jemand - und sei es nur Gott - dass jemand sagt: "Auf dich kommt es an. Steh auf, spring auf deine Füße."

Aber, wie steht man auf, wenn man kaputt ist? Wie springt man auf die Füße, wenn man müde ist? Wie lässt man Licht ein in sein Herz, wenn es in uns und um uns dunkel und kalt ist?

Ich glaube, das sind am Weihnachtsfest entscheidende Fragen.

Die Lichter vom Christbaum, sie allein machen nicht stark. Die Geschenke der Freundschaft, sie allein geben nicht Wärme. Was wir brauchen ist mehr als Gefühl und Atmosphäre.

Was wir brauchten, wäre ein Herzenswissen, ein tiefes Wissen darum, dass wir wirklich gewünscht sind, gewollt sind, so wie wir sind - ohne Abstriche, ohne Bedingung, ohne vorherige Korrektur.


Solches Wissen, liebe Gemeinde, - besser gesagt, solchen Glauben können wir uns zunächst nicht gegenseitig vermitteln. Das ist anders als bei Babys und Kleinkindern. Bei ihnen sind es in der Tat die Eltern, die allein solchen Glauben in die Herzen pflanzen können, den Glauben daran, dass man in der Welt willkommen ist.

Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist das anders, denn wir alle haben ja schon so viele Enttäuschungen erlebt, uns allen ist ja schon so oft dieses "Du bist unerwünscht" entgegengeschleudert worden, da reicht es nicht aus, wenn wir über Weihnachten oder auch sonst manchmal im Jahr ein paar Freundlichkeiten erfahren.

Diese Botschaften von Mensch zu Mensch, liebe Gemeinde, sie sind unendlich wichtig. Ich meine aber, es reichtn nicht aus. Denn wir alle leben in der Erwartung, dass es doch mehr als dies alles geben muss.

Solches "Mehr"   ---   Gott allein kann es uns geben. Er allein kann es uns so geben, dass es wirklich unser Inneres und unser ganzes Leben ausfüllt.


Hierfür ist das Kind von Bethlehem ein Zeichen. Jesus hat aus diesem Herzenswissen heraus gelebt. Bei seiner Taufe hat er von Gott her für sich die frohe Botschaft vernommen, er sei der geliebte Sohn, und auf ihn käme es an und an ihm wolle Gott sich erfreuen.

Diese Botschaft traf Jesus im Herzen und von dorther wurde er stark und mutig, freundlich und wahr, echt und menschlich - zum Ebenbild Gottes.

Solche Botschaft, liebe Gemeinde, ergeht nun auch an uns und jeder von uns soll sie heute in der Christnacht ganz persönlich hören.

„Du Stefan,

du Christa,

du bist mein geliebtes Kind, auf dich kommt es an,

du bist erwünscht, gewollt, an dir will ich meine Freude haben," so spricht Gott.

Und er fragt uns mit all seinem göttlichen Ernst, und er fragt uns voller Vorfreude, ob wir ihn gehört haben - da ganz tief im Innern.


"Wir sind erwünscht. Wir sind gewollt. Auf mich kommt es an."

Ich bin zwar müde, aber nun steh ich auf. Ich bin kaputt, aber jetzt spring ich auf die Füße, denn endlich strahlt auch über mir der Herr auf, und sein Glanz breitet sich aus über mir.

Es ist heilige Nacht, liebe Gemeinde, es ist Christnacht geworden. Gott segnet uns und alle Kinder dieser Erde.  Amen


Christmette 1986 in Kriftel