Meike und der alte Mann -- Weihnachtserzählung

Meike und der alte Mann


Mit dem alten Mann -- das war eine merkwürdige Sache. Als er nämlich eines Nachmittags von seinem Mittagsschlaf erwacht, da kommt er sich ganz komisch vor. So als ob er sein Gedächtnis verloren hat. Unglaublich, so denkt er und er sieht sich in dem Zimmer um. Alles ist ihm fremd. Die Bilder an den Wänden, die Gardinen, der große Schrank. Sieht er das denn wirklich alles zum ersten Mal?


Nach einiger Zeit steht der alte Mann auf und geht durch das Zimmer. Er bleibt er-schrocken vor dem Spiegel stehen. Auch dieses Gesicht ist ihm fremd. Es ist ein freundliches Gesicht, das da im Spiegel zu sehen ist: ein grauer Bart, viele Falten.


Zur selben Zeit ereignet sich drei Häuser weiter in derselben Straße Folgendes: Dort hüpft ein kleines Mädchen mit Namen Meike durch die Wohnung. Sie sucht ihre rote Pudelmütze -- die, die so gut zu dem Wintermantel passt. Meike hat es eilig. Sie hat dem Opa Wellmer versprochen, ihn zum Weihnachtsgottesdienst abzuholen. Und dafür ist es höchste Zeit.


Ein Glück, gerade hat Meike zwischen den Stiefeln und Schuhen einen großen, roten Fleck entdeckt. Und richtig es ist die Pudelmütze. Nun aber nichts wie los. An der Wohnungstüre dreht sie sich noch einmal um und ruft laut: Auf Wiedersehen! Und dann ist sie schon auf der Straße.


Der alte Mann ist während dessen zu seinem großen Lehnstuhl zurück gekehrt. Er ist ganz schön verwirrt. Dass ihm so etwas passieren muss  --  er kann sich noch nicht einmal an seinen eigenen Namen erinnern. Was soll ich jetzt nur tun, denkt der alte Mann. Und da, in diesem Augenblick, klingelt es an der Tür.


Ihr könnt euch gewiss vorstellen, wie überrascht der alte Mann ist, als Meike in den Flur herein gesprungen kommt. „Aber Opa Wellmer,“ sagt Meike mit vorwurfsvoller Stimme.  „Du hast ja noch Hausschuhe an. Du, jetzt aber schnell, wir müssen uns beeilen oder wir kommen zu spät.“ Bei diesem Ton gibt es keine Widerrede und so zieht der alte Mann seine Straßenschuhe an, nimmt seinen Mantel vom Haken, löscht das Licht in der Wohnung und schon sind die beiden auf der Straße.


Irgendwie ist der alte Mann froh. „Opa Wellmer“ hat das kleine Mädchen zu ihm ge-sagt. Das ist also sein Name. Und dann ist es wohl so, dass sie beide irgendeine Verabredung haben. Aber wie sie wohl heißt -- die Kleine? Opa Wellmer denkt ange-strengt nach, aber es will ihm nicht einfallen. Er hat wirklich alles vergessen.


Auf der Straße sind noch mehr Leute. Sie gehen alle in dieselbe Richtung. Zumeist sind es Familien, Eltern und Kinder. Meike springt vorne weg und Opa Wellmer hat Schwierigkeiten mitzukommen. Dann sind Sie mit einem Mal bei einem großen Ge-bäude. Es ist hell erleuchtet. Der alte Mann bleibt stehen.


„Du, warte mal!“ ruft er.  --  Meike ist schon an der Tür angekommen, aber nun macht sie kehrt. Sie sieht Opa Wellmer fragend an. „Du,“ sagt der alte Mann und er ist et-was außer Atem: „Du, sag mal, wie heißt du eigentlich?


Meike ist verdutzt. So lange sie zurück denken kann, kennt sie Opa Wellmer. Und nun so eine Frage. „Ich heiße Meike,“ sagt Meike, „aber das weißt du doch.“  --   „Ach,“ antwortet der alte Mann traurig. „Das ist ja das Schlimme. Ich weiß es halt doch nicht. Ich habe alles vergessen. Als ich vorhin aufwachte, da wusste ich noch nicht einmal, wie ich aussehe. Und dann bist du gekommen und hast mich abgeholt. Wohin wir jetzt gehen, das weiß ich auch nicht.“


So traurig hat Meike den alten Mann noch nie gesehen und sie erschrickt furchtbar. Aber dann lacht sie auf. Sie sagt: „Du, Opa Wellmer, das ist doch nicht schlimm. Hör zu, ich werde dir alles erzählen, was du vergessen hast. Siehst du, heute ist nämlich Weihnachten und da vorne ist die Kirche und da gehen wir jetzt hin. Ja?“


Und Meike nimmt Opa Wellmer an der Hand und sie gehen gemeinsam in das große, hell erleuchtete Gebäude. Es ist nicht einfach für die beiden, einen guten Platz zu finden, denn es sind schon viele Leute da. Aber dann sitzen sie ziemlich weit vorne nebeneinander.


Opa Wellmer ist ganz unruhig. Er hat so viele Fragen. Am liebsten möchte er sie alle auf einmal stellen. Der Baum mit den Lichtern, was der wohl bedeutet? Und eine Kir-che, so heißt das Gebäude.  ---   Was das wohl ist „eine Kirche“? Ach ja, und dann hat Meike gesagt: Heute ist Weihnachten.


Weihnachten?! – Ja, das ist es, was er vor allem wissen will.   ---   Opa Wellmer beugt seinen Kopf zu Meike und er flüstert: „Du, Meike, was ist Weihnachten.“

 

„Weihnachten?“ Meike überlegt. „Weihnachten, also da feiern alle Menschen ein gro-ßes Fest, weil da Jesus Christus geboren wurde. Verstehst du, an Weihnachten wur-de Gottes Sohn geboren. Das ist lange, lange her. Aber es ist auch heute noch wichtig, denn Gott schenkt uns an Weihnachten seine Freundschaft.“


„Schon wieder ein Wort, das ich nicht kenne,“ seufzt der alte Mann. „Gott, wer ist denn nun das?“  --  „Oh je,“ denkt Meike. „Es muss ganz schön schlimm sein, wenn man auf einmal alles Wichtige vergessen hat.“ Aber dann beginnt sie zu erklären: „Also, Opa Wellmer, also Gott, der hat die ganze Welt geschaffen. Die Kirche hier und den Weihnachtsbaum, die Sonne, die Tiere und alle Menschen. Ohne Gott --  ohne Gott kann kein Mensch leben, denn unser Leben kommt von Gott her.“


Meike schweigt. Der alte Mann ist aber noch nicht zufrieden: „Wenn wirklich alles von Gott her kommt,“ so denkt er laut, „wenn sogar die Sonne von Gott her kommt, dann muss dieser Gott aber ganz schön groß sein und stark.“  --  „Ja“, antwortet Meike. „Gott ist größer als alles, was wir sehen können, und Gott ist stärker als der größte Feind.“


Nun schweigen beide. Aber der alte Mann ist immer noch unruhig. Eines hat er noch nicht verstanden. Was genau hat Gott mit Weihnachten zu tun? Er stößt Meike in die Seite und fragt sie leise. --  „Das ist ganz einfach,“ flüstert Meike. „An Weihnachten kommt Gott zu uns Menschen. Er wird ein kleines Baby und schenkt uns seine Freundschaft. Weißt du, Opa Wellmer, mit so einem riesig großen Gott kann man doch nie richtig Freund sein. Aber an Weihnachten, da wird Gott so klein, wie wir es sind. Ein richtiger Mensch, und so wird er unser Freund.“


Das leuchtet dem alten Mann ein. Und mit einem Mal wird er ganz fröhlich, denn ir-gendwie spürt er, dass er ja dann außer Meike noch einen richtig guten Freund hat: einen großen und starken Freund, der an Weihnachten Geburtstag hat.