... von der Freiheit der Kinder Gottes (Erzählung zur heiligen Nacht)

Ein echter Vater liebt die Freiheit seiner Kinder mehr als seine eigene Macht.

Es ist Nacht geworden. Dunkelheit hat sich auf das Dorf herabgesenkt. Es ist eine der ersten, lauen Frühlingsnächte in diesem Jahr. Jonas und Sara sitzen eng beieinander. „Du kannst es mir glauben“, sagt Sara gerade, „wenn wir zu Gott beten, dann schenkt er uns bestimmt noch dieses Jahr ein Kind“.

Jonas ist nicht überzeugt. „Gebet hin oder her“, so murmelt er, „es geschieht alles nach Plan. Es geschieht alles so, wie Gott es schon vor langer Zeit festgelegt hat.“

Sara schweigt. Sie kennt ihren Mann gut. Sie hat ihn lieb, obwohl er manchmal total starr ist  …  wenn er zum Beispiel meint, man könne den Lebenslauf, ja man könne überhaupt gar nichts beeinflussen.    ----    „Gott ist allwissend und allmächtig“, so sagt Jonas immer.


Als Sara diese Worte durch den Kopf schießen, wird sie im Inneren böse. „Immer wieder dieses: Gott ist allmächtig. Als ob der Mensch nichts weiter ist als eine Marionette.“

„Nein, nein, nein“, so hört Sara ihre innere Stimme sprechen und sie denkt: „Ich habe schon oft gebetet und Gott hat meine Bitten gehört. Wenn wir bitten, dann ändert manchmal auch Gott seinen Plan. Mit Gebeten lässt sich manches erreichen. Warum begreift das nur der Jonas nicht?“


Jonas sitzt immer noch an Saras Seite. Er hat ihren Stimmungsumschwung bemerkt. Besser er fragt nicht. Er weiß es zu gut  --   er fürchtet, dass seine Frage ein langes Gespräch eröffnen könnte. Ein Gespräch - genauso fruchtlos, wie viele, viele andere Gespräche zuvor.

„Was kommen muss, wird kommen“ so denkt Jonas. „Was geplant ist, wird ausgeführt. Gott hat alle Fäden in der Hand.“ Für Jonas ist das klar. „Das Gute und das Böse, Unglück, Krankheit, Geburt und Tod – Gott führt das alles hervor. Er ist allwissend, er ist allmächtig. Gott weiß, was kommen wird.“ „Aber“, so spürt er, „es ist nutzlos darüber mit Sara zu sprechen, denn sie glaubt nun mal daran, dass man Gott beeinflussen kann. Welcher Unsinn!“



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Monate sind vergangen. Es ist Winter geworden. Die Nacht bricht herein. Jonas überdenkt das Tagesgeschehen: Am Nachmittag hatte mit einem Mal ein Fremder bei ihnen im Wohnraum gestanden. Er suchte Quartier, Übernachtungsmöglichkeit für sich und seine Frau. Jonas war versucht gewesen, „Ja“ zu sagen, denn die Frau war schwanger. Aber dann dachte er an die Unbequemlichkeit, an Unordnung und Unkosten.

„Kein Platz“, so hatte er gesagt. „Kein Platz. Verwandte kommen. Das Haus wird voll werden.“


Nun bricht die Nacht herein. Jonas und Sara sitzen zusammen. Eng und doch getrennt. Jonas ahnt, was Sara denkt. Er fragt nicht. Er wünscht sich, dem endlosen Gerede zu entkommen.


Aber in dieser Nacht spricht Sara. Sie fragt.   ---    Sie fragt: „Du, Jonas. Warum hast du solch ein hartes Herz? Hast du nicht gesehen: die Frau war schwanger. Wo werden die beiden jetzt sein?“ Jonas und Sara schweigen. Sie sitzen eng beieinander und sind doch weit entfernt.

Für Jonas ist alles so klar mit der Welt. „Was kommt, kommt“, denkt er. „Hätte Gott gewollt, dass die beiden bleiben, dann hätte Gott sein Nein  --  sein hartes Herz  --   in ein Ja verwandeln können. Was Gott will, das geschieht“, denkt er. „Oder etwa nicht?“


Sara kennt ihren Mann gut. Sie hat ihn lieb. Sie weiß, was in ihm kämpft. In das Schweigen hinein sagt sie: „Und wenn es doch nicht Gott ist, der alle Fäden in der Hand hält, sondern --- “.   Sie zögert, aber dann fährt sie fort: „Vielleicht ist es ja deine Bequemlichkeit, dein Geiz, der dich zu einer willenlosen Puppe macht, und nicht Gott?“


Die Worte sitzen. Sie gehen tief. Sie treffen den Jonas ins Herz. „Vielleicht“, so hört er es in sich sprechen. „Vielleicht liegt Sara ja richtig. Vielleicht war er ja wirklich gemein und es war gar nicht von Gott her festgelegt und vorherbestimmt, als er Nein gesagt hat.“


Saras Worte gehen tief, so tief, dass Jonas nicht widerspricht. Aber zugeben mag er seinen Zweifel auch nicht und so sitzen die beiden zusammen und schweigen. Aber Sara merkt, dass sie doch wieder enger zusammengerückt sind.



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Jahre sind vergangen. Viele Sommer und Winter haben sich abgelöst. Es ist wieder Frühling geworden. Sara und Jonas haben manches erlebt. Aber im Dorf selbst hat sich kaum etwas verändert. Nur dieses: die Nachbarn erzählen seit einiger Zeit von einem Jesus. Er soll Gottes Sohn gewesen sein.


Wenn die anstrengende Tagesarbeit eine Pause nötig macht, unterhält sich Jonas gerne mit seinem Nachbarn. So sitzen sie eines Mittags wieder zusammen. Jonas kennt mittlerweile die ganze Geschichte: Kranke soll er geheilt haben  --  der Wunderrabbi  --  und von Gott konnte der erzählen – ganz lebendig.

“Und dann: verhaftet, verurteilt, gekreuzigt, begraben und aus dem Totenreich zurückgekehrt“, so erzählt es der Nachbar. Jonas sagt: „Und Gott hat das alles so gewollt mit dem Jesus, nicht wahr? Es kommt alles, wie es vorherbestimmt ist. Oder?“ Er hält inne und schaut den Nachbarn gespannt an. Und dann setzt er hinzu: „Ist dann nicht auch Gottes Sohn  --  dieser Jesus  --  eine Marionette?“


Der Nachbar denkt nach. Er hat ein ungutes Gefühl. Irgendwie hat Jonas recht, aber dann auch wieder nicht. Ja, so hat das Gott gewollt mit Jesus, denkt Jonas. Aber andererseits  ---   Jesus war doch keine Marionette.  ---- Und auch ich selbst – ich bin doch frei, Böses oder Gutes zu tun.


Vorsichtig antwortet der Nachbar: „Also, Jonas, ich glaube schon daran, dass Gott ein Ziel für uns Menschen hat. Jesus hat das auch so ähnlich gesagt. Gott möchte, dass wir Menschen für einander einstehen. Und dabei können wir uns frei entscheiden. Wenn jemand anklopft, können wir unser Haus öffnen oder wir können stattdessen so tun, als hätten wir nichts gehört.“

Jonas ist alarmiert. Irgendwie kennt er diese Sache. Tief im Herzen wurzelt immer noch der alte Zweifel, der lange Jahre begraben schien. Jonas ist alarmiert und er wehrt sich: „In Ordnung“, so sagt er. „Ich bin also frei, zu verletzen oder zu verbinden, und ich bin frei, meine Tür zu öffnen oder zu verschließen. Wenn das also alles nicht vorherbestimmt ist, dann kann Gott unmöglich allwissend sein, denn er weiß ja nicht, wie ich mich entscheiden werde. Und allmächtig kann er auch nicht sein, denn er kann mich ja zu nichts zwingen. Und was ich tue  --  egal ob Böses oder Gutes  --  das kann er auch nicht verhindern“.


Der Nachbar zaudert. Aber dann stimmt er ein. „Ja, so muss es sein. Gott ist nicht allwissend und auch nicht allmächtig.“ Und nach einer kurzen Pause fährt der Nachbar fort: „Weißt du? Wir Menschen sind Kinder Gottes. Gott ist unser Vater. Und ein echter Vater liebt die Freiheit seiner Kinder mehr als seine eigene Macht. Verstehst du, Jonas? Verstehst du, wenn Gott ein Tyrann wäre, dann wären wir Marionetten. Aber weil Gott unser Vater ist, deshalb sind wir frei.“


Jonas ist verblüfft. Der Zweifel in seinem Herzen ist ganz plötzlich übergroß geworden. So hat er das alles noch nie gesehen. Dann hätte ja Sara doch recht mit ihrem Beten. Beten kann dann doch etwas verändern am Lauf der Welt und im eigenen Leben. Jonas ist schweigsam geworden und der Nachbar schweigt auch, denn er spürt, dass da ein Größerer zu Jonas spricht    …   mitten in dessen Leben hinein.



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Am Abend desselben Tages sitzen Sara und Jonas beieinander. Jonas ist merkwürdig still. Sara spürt seine große Ruhe. Sie schaut verstohlen zu ihm hin.

„Du hast recht gehabt“, sagt Jonas. „Ich meine, du hast recht gehabt damals. Erinnerst du dich? Die Fremden, die bei uns übernachten wollten. Du hast recht gehabt. Es war nicht Gott, der wollte, dass ich sie wegschicke. Es war mein Geiz und meine Bequemlichkeit.“ Sara nickt leicht, zustimmend. Und Jonas fährt fort: „Weißt du, diese Nacht damals, die hat mich verändert. Damals hat Gott zu mir gesprochen. Ich habe damals deutlich gespürt, dass wir keine Marionetten in Gottes Hand sind. Aber ich wollte es nicht zugeben, dass ich er war, der gemein gehandelt hatte.“

Jonas hält inne, dann fährt er fort: „Irgendwie war das damals eine ganz besondere Nacht. Ich glaube, in dieser Nacht habe ich angefangen Gottes Kind zu sein. Irgendwie ist es eine heilige Nacht gewesen.“