Die Sonne will nicht mehr (Erzählung mit Bildern)

Die Sonne will nicht mehr


Erzählung mit Bildern von Kindern eines Kindergartens


Zum Weihnachtsfest gehört es ja unbedingt, dass Geschichten erzählt werden. Vor allem geht es immer wieder um die Geschichte von Maria und Josef, von der Geburt und von den Hirten.

Diese Geschichte will auch ich erzählen. Allerdings ist in meiner Geschichte die Sonne eine Hauptperson.


Es war so: Vor langer Zeit hätte die Sonne beinahe aufgehört zu scheinen. Sie hatte einfach keine Lust mehr. Was war geschehen?

Nun, die Sonne war aufgegangen wie immer. Sie hatte ihre Bahn am Himmel gezogen  --  wie immer  --  und da sah sie – zur Mittagszeit – in der damaligen Hauptstadt der Welt – in Rom – da sah sie den Kaiser Augustus, wie er gerade ein neues Gesetz unterschrieb.


Die Sonne rieb sich die Augen. Sie wollte genauer sehen, was da los war. Und dann erschrak die Sonne furchtbar. Dieses Gesetz befahl, dass alle Menschen dem Kaiser Geld geben sollten, damit er noch mehr, und noch gemeinere Kriege führen könnte als bisher.

Die Sonne wurde ganz traurig und blass. Täglich sah sie Kriege. Täglich sah sie Streit. Buben und Mädchen, Männer und Frauen stritten sich.


„Das halte ich nicht mehr aus“, sagte die Sonne und weil sie so traurig war, strahlte sie nicht mehr so hell wie früher. Aber die Menschen haben das zuerst gar nicht bemerkt.


Einige Zeit verging und die Sonne beobachtete während dessen genau, was in der Menschenwelt so vor sich ging:   Das Gesetz des Kaisers Augustus wurde überall hin getragen. Und eines Tages wurde es auch in einer kleinen Stadt in Israel, in Nazareth, vorgelesen.


In dem Gesetz wurde befohlen: Jeder Mensch sollte dort das Geld für die neuen Kriege bezahlen, wo seine Eltern und Großeltern herkamen.


Und so sah die Sonne am folgenden Tag zwei Leute in Nazareth aufbrechen: eine Frau und einen Mann und einen Esel.


Die beiden Wanderer hatten Essensvorräte dabei, warme Kleidung als Schutz gegen die kalten Nächte und Windeln, um ein Baby zu wickeln. Aber sonst nichts.


Maria und Josef und der Esel zogen dahin – den Weg nach Bethlehem. Die Sonne aber – sie beobachtete die beiden, wenn sie tagsüber über Israel hinweg wanderte.


Und da sah und hörte sie es auch, wie der Josef eines Tages ziemlich bestürzt zur Maria sagte, dass alles Essen aufgebraucht sei. So mussten nun die beiden, noch ziemlich weit vom Ziel entfernt, andere Menschen um Brot bitten.


Aber, als die Sonne die beiden mit ihrem Esel weiter beobachtete, da bekam sie ziemlich Schlimmes zu sehen. Viele, viele Menschen wollten nichts abgeben.  --  „Geh doch arbeiten!“  so wurde der Josef angeschrieen. „Lumpengesindel“, so wurden Maria und Josef beleidigt.


Und der Hunger wurde größer und größer. Er tat richtig weh.


Als die Sonne das sah, wurde sie noch trauriger als zuvor. Und sie verlor noch mehr von ihrer Kraft und wurde noch ein gutes Stück blasser und kälter.  Ja, die Strahlen der Sonne wurden so schwach, dass die Menschen auf der ganzen Welt das nun tatsächlich merkten. Und sie fingen an, darüber zu sprechen.


Endlich kommen Josef und Maria in Bethlehem an. Nach langer Zeit. Die Sonne steht gerade ganz oben am Himmel und schaut zu. Aber besser wäre es gewesen, wenn sie an diesem Tag gar nicht geschienen hätte. Denn das, was die Sonne da sehen muss, das lässt sie geradezu ganz bleich werden.


Sie sieht zu, wie Josef und Maria in Bethlehem eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Aber niemand hat Platz für sie. Keiner sagt: „Kommt doch herein. Ruht euch ein bisschen aus. Esst etwas und trinkt etwas.“

Nein, die Leute in Bethlehem schlagen die Türen vor den beiden zu. Fremde will niemand. Jeder will nur seine eigene Ruhe.


Als die Sonne das miterlebt, da erlischt sie fast ganz. Die Menschen auf der Welt erschrecken. Sie meinen, das sei vielleicht eine Sonnenfinsternis. Aber niemand kann es sich genau erklären.


An diesem Abend geschieht etwas Merkwürdiges. Die Sonne nämlich geht an diesem Abend nicht unter. So blass, wie sie ist, bleibt sie am Horizont stehen und so beobachtet sie, was in dieser Nacht geschieht.


In jener Nacht, als die Sonne fast ihre ganze Kraft verloren hatte, weil sie ja so furchtbar traurig war, da geschieht zuerst einmal fast gar nichts. Alle Welt schläft.


Nur dort in Bethlehem, da ist ein wenig Bewegung. Josef und Maria haben endlich doch ein Zuhause gefunden, kein richtiges Bett, aber einen Stall mit Tieren. Und die Sonne sieht, wie in dieser Nacht Maria ein Baby bekommt.


Und Maria wickelt das Kind in Windeln und legt es in die Krippe, an den Ort, wo normalerweise das Futter für den Esel und die Kuh liegt.


Aber was ist das? Mit einem Mal erschrickt die Sonne. Da bei dem Stall, da wird es plötzlich ganz hell.


Überall auf der Welt ist es stockdunkle Nacht. Nur dort, vom Stall her, da kommt ein Strahlen, das ist heller als 1000 Sonnen.


Und dann tauchen plötzlich mitten in der Nacht Hirten auf. Sie hatten in der Nähe bei den Schafen Wache gehalten.


Da war es plötzlich auch bei ihnen taghell geworden. Und ein Bote Gottes war zu ihnen gekommen und hatte gesagt: „Los. Lauft dorthin, wo das helle Licht herkommt. Dort werdet ihr etwas Wunderbares entdecken. Das Kind, das dort zur Welt gekommen ist, wird allem Streit und Krieg und allem Hunger und aller Gleichgültigkeit ein Ende bereiten.“



Na ja, die Hirten waren losgelaufen und die Schafe mit ihnen. Und tatsächlich, dort wo das Licht herkommt, dort liegt ein neugeborenes Baby und Maria und Josef sind bei ihm.

Die Sonne hat das alles beobachtet. Auch wie die Hirten sich gefreut haben. Und wie sie vor der Krippe getanzt haben. Natürlich waren die Hirten beim Tanzen und Singen ganz leise, weil sie ja das Baby nicht wecken wollten.


Wie nun die Sonne all das miterlebte, da ist ihr plötzlich ein Licht aufgegangen. Mit einem Mal erkannte sie das Baby wieder.


“Sollte das möglich sein?“ so dachte sie bei sich. „Sollte das wirklich möglich sein, dass in diesem Baby Gott selbst zur Welt gekommen ist. Gott, der mich geschaffen hat mit all meinen Strahlen. Gott, der auch die Erde und alle Menschen gemacht hat  --   alle Babys Frauen und Männer?“


Ja. - Für die Sonne war das mit einem Mal eindeutig. Dort in der Krippe, das war der Schöpfer der Welt, der Schöpfer der Tiere und der Pflanzen.


Und da, da war der Sonne noch etwas klar geworden. Ganz plötzlich entdeckte sie die Liebe Gottes. Sie  --  die Sonne hatte die Menschen im Stich lassen wollen, weil so viel Bosheit unter ihnen herrschte. Aber Gott wurde selber ein Mensch. Er ließ seine Menschen nicht im Stich.




In diesem Moment wurde die Sonne ganz rot vor Scham und sie beschloss doch wieder zu scheinen und den Menschen mit ihrer Wärme zu dienen.


Die Hirten waren mittlerweile wieder auf dem Heimweg. Und als sie die Sonne in voller Kraft am Himmel sahen, da freuten sie sich sehr.



Für die Hirten war die Sonne jedoch von diesem Tage an nicht mehr das Hellste in der Welt. Viel heller war es in ihren Herzen, denn die Strahlen des Stalles und des Kindes hatten ihr Leben froh und friedlich gemacht -- an diesem allerersten Weihnachtsfest, das es je gab.