Das Fest der leeren Hände -- Weihnachten

Das Fest der leeren Hände 



Weihnachten ist das Fest der leeren Hände.

Das ist ein merkwürdiger Gedanke, wenn wir die gedeckten Gabentische unter unseren Christbäumen betrachten.

Und doch, ich glaube, es lässt sich verdeutlichen, dass Weihnachten im Grunde als Fest der  leeren Hände seinen Sinn findet.


Es ist viele Jahre her. Damals war ich noch Berufsanfänger. Da hatte ich eines Nachts einen furchtbaren Albtraum:

Ich bin zu Hause bei meinen Eltern zu Besuch. Es ist Samstagnachmittag. Es klingelt und der Pfarrer unserer Kirchengemeinde steht vor der Tür. Er bittet mich darum, am nächsten Tag den Gottesdienst zu halten. Ich freue mich über dieses Angebot und sage spontan zu.

Dieser Teil meines Traumes ist mir nur schemenhaft in Erinnerung, alles weitere aber ist meinem Gedächtnis glasklar eingebrannt.


Der Gottesdienst beginnt. Ich sitze in der großen, schönen Blasiuskirche, in der ich gemeinsam mit meinem Bruder konfirmiert worden bin. Es sind viele Leute gekommen und ich bin stolz, hier zu predigen. Das Lied vor der Predigt wird gerade angestimmt. Und da, in diesem Moment merke ich, dass ich meine Predigt vergessen habe.


Ich sitze in der Blasiuskirche  --  im Talar  --  und meine Hände sind leer.


Was soll ich tun? Ich überlege fieberhaft. Mein Elternhaus ist nicht weit entfernt. Ich denke, ich könnte es vielleicht schaffen, mit der Predigt rechtzeitig wieder zurück zu sein. Aber es ist, als wäre ich festgeklebt. Jetzt wird die letzte Strophe gesungen. Nun muss ich los auf die Kanzel. Ich stehe da mit verkrampftem Herzen und leeren Händen.

Dieser Albtraum hat mich einige Jahre verfolgt: diese leeren Hände, diese Angst vor dem Versagen, diese Scham vor den Leuten.


Ich vermute, jeder von uns hat ab und zu einen ähnlichen Traum  --  sei es tags oder nachts. Am alltäglichen Arbeitsplatz könnte etwas total schief gehen. Oder uns passiert ein Missgeschick auf einem Fest. --- Irgendwie drücken sich unsere Ängste in solchen Albträumen aus.


Was könnte in solcher Situation für uns Weihnachten sein?  --  Weihnachten wäre es, wenn ich mit meinen leeren Händen auf die Kanzel stiege,

hinaufstiege ohne Angst,

hinaufstiege mit der Gewissheit, da ist niemand, der mich auslachen oder klein machen wird.

Weihnachten ist das Fest der leeren Hände. Weihnachten ist das Fest, an dem wir trotz leerer Hände angenommen werden.


So ist es ja auch bei jeder Geburt. Ein Kind kommt zur Welt – in Bethlehem oder hier. Das Baby ist hilflos. Es kommt mit leeren Händen. Und doch, es wird von den Eltern willkommen geheißen. Es wird angenommen, ohne irgendetwas anderes mitzubringen als sich selbst.


Das ist die Weihnachtsbotschaft: Wir feiern das Fest, bei dem keine Leistung erbracht werden muss. Wir werden aufgenommen ohne Vorbehalt, so wie die Kinder bei der Geburt.

Und auch wir, wir lernen es, uns selber anzunehmen, denn Weihnachten spricht uns frei von allen Forderungen, die wir uns selbst auferlegen. Wir treten vor den Spiegel, schauen uns in die Augen und wir hören die Stimme vom Kind in der Krippe her:

"Du darfst mit dir in Frieden leben.  Du - so wie du bist – Du darfst dich mögen mit allen deinen Fehlern, mit deinen leeren Händen."


Leere Hände  --  und das will an Weihnachten auch noch gesagt sein: Leere Hände sind immer auch Friedenshände. Es sind geöffnete Hände, die die geballte Faust zurückgelassen haben. Leere Hände sind ausgestreckte Hände zum Nächsten hin  --  ein Friedenszeichen von ungeheurer Kraft.

Leere Hände sind Hände mit einer großen Hoffnung: Sie können und werden gefüllt werden, so dass Albträume und Ängste ihr Ende finden, irgendwann.


"Fürchtet euch nicht!" so lautet die Weihnachtsbotschaft.

"Fürchtet euch nicht! Ihr dürft leere Hände haben. Ihr müsst keine Leistung bringen." Amen.




Predigt aus den 80er Jahren, gehalten in einer Mitternachtsmette in Kriftel