Tanzen gegen den Tod (Ostern)

... und das Leben tanzt dem Tod den Totentanz

(Ostern)



Wir hören als Predigttext die Verse 1-11 aus dem 4. Kapitel des Matthäus-Evangeliums.  Der Evangelist schreibt:

1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.

2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels

6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit

9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«

11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Guter Gott, segne uns, öffne unsere Herzen für dein Wort. Amen.


An Ostern, liebe Gemeinde, gilt es, Rechenschaft darüber abzulegen, was wir hoffen, und wem wir vertrauen, wofür wir leben und wohin wir gehen.


Ostern erreicht unser Lebensweg eine Kreuzung. Entweder wir lassen uns vom Tod einfangen und ziehen in seinem Gefolge durch die Welt  - oder wir stemmen uns seiner Gewalt entgegen - mit allem Mut, der die Niederlage nicht scheut - mit allem Mut, der auf den Sieg des Lebens hofft.

Ostern, liebe Gemeinde, gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ostern stellt im Gegenteil das Leben selbst in Frage, denn ein leeres Grab, was ist das schon angesichts des ohrenbetäubenden Konzerts der Todesnachrichten aus aller Welt.

Ein leeres Grab  --  damals vor 2000 Jahren. Was kann das ausrichten gegen ertrinkende Flüchtlinge vor Lampedusa?  Gegen den Hungertod in Afrika?  Gegen die Bombenopfer im Vorderen Orient?


Es ist ja so, liebe Gemeinde, da es an Ostern um das Leben geht, ja um unser Leben geht, da greifen doch kluge Gedanken  - ordentlich aneinandergereiht – zu kurz. Sie können nicht weiterhelfen, denn das Leben ist mehr als Vernunft, es ist mehr als Logik und Einmaleins.


Kluge Gedanken greifen zu kurz, und deshalb möchte ich heute früh am Ostermorgen erzählen statt erörtern,

erzählen vom Leben und vom Tod, von Gott und der Welt und dem Teufel.

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen vom Kampf des Lebens gegen Tod und Teufel.


Die Geschichte, die ich erzähle, spielt in einer fernen Zukunft.

Seit heute sind viele hundert Jahre vergangen.

Die Menschenwelt hat sich radikal verändert. Wir würden sie kaum wieder erkennen, wenn wir diese ferne Zeit kennenlernten.

Und umgekehrt: Die Menschen in jener fernen Zeit wissen fast nichts mehr von uns. In Geschichtsbüchern ist noch manches zu lesen, aber das Interesse an der eigenen Vergangenheit und wie Menschen früherer Jahrhunderte lebten, ist gering.

Jene zukünftigen Menschen sind zwar darüber informiert, dass es einstmals einen Glauben an Gott, dass es einstmals Religionen gab, aber für sie selbst ist Gott uninteressant, für sie ist die Religion endgültig überwunden.


Es gibt noch einige gut erhaltenen Kirchen in jener Welt. Jedoch  --   sie stehen lediglich in Ferienzeiten als Kulturdenkmäler hoch im Kurs. Und in den Ferien werden dort dann auch Gottesdienste aufgeführt - von Schauspielern für Touristen, lebendiges Anschauungsmaterial für Schulkinder und Hobbyhistoriker. Ansonsten ist der Glaube, ansonsten ist die Kirche tot.


Liebe Gemeinde, wir wechseln jetzt den Schauplatz und die Zeit.

Wir fragen danach, wie es dazu kommen konnte, dass Gottesglaube und Religion ausstarben.


Ungefähr ein Jahrhundert früher war es gewesen, da hatte im Himmel ein Gespräch stattgefunden. Der Teufel und Gott, sie hatten miteinander über die Qualität der Menschen und über deren Festigkeit im Glauben gestritten.

Da legte der Teufel einen praktischen Vorschlag auf den Tisch, um die verschiedenen Ansichten zu überprüfen. Er forderte von Gott 100 Jahre Regierungszeit auf Erden, und er versprach, dass nach so kurzer Zeit kein Fünkchen Glauben mehr zu finden wäre.


Der Herrgott überlegte lange. Er traute den Menschen auch nicht all zuviel zu, aber dann dachte er sich, dass doch der gute Kern des Gottesglaubens so zahlreich gelegt sei - da wären die Chancen des Teufels nicht allzu groß. Und so schlug der Herrgott in die ausgestreckte Hand des Teufels ein.  Nur eine Bedingung stellte er zuvor, die totale Vernichtung, der Atomkrieg sollte ausgeschlossen sein.


Liebe Gemeinde, schon kurze Zeit danach - wir können uns das vorstellen - schon wenige Tage später war der Erdball in ein Chaos getaucht. Hungersnöte wurden zur Normalität, Kriege breiteten sich aus wie ein Steppenbrand, Krankheiten fielen über die Menschen her, so wie ein ausgehungerter Löwe ein Lamm zerreißt.

Jedoch - die Rechnung des Teufels ging nicht auf. Denn je größer das Chaos wurde, desto mehr rückten die Menschen zusammen. Sie hofften auf bessere Zeiten, beteten zu Gott, erbaten dessen Gnade. Der Tod wütete durch die Welt, er stampfte das Leben nieder - die Menschen aber stemmten sich dem Tod entgegen, und die Liebe wuchs von Tag zu Tag.


Als der Teufel das sah, schwenkte er um. Er besann sich auf eine andere Taktik, die er aus seiner Erinnerung hervorkramte.  Einstmals hatte er dem Sohn Gottes diesen anderen Weg angeboten. Aber leider hatte der damals abgelehnt. Nun beschritt der Teufel selber diesen Weg. Kurz entschlossen verhalf er den Menschen zu Wohlstand und Frieden, und den Wissenschaftlern schenkte er die Macht, alle Krankheiten zu heilen.

Damit, liebe Gemeinde, hatte der Teufel im Grunde sein Ziel furchtbar schnell erreicht. Er war selbst überrascht, aber der Tod kehrte ein bei den Lebenden und der Gottesglaube starb dahin.


Es war Frieden. Aber was für ein Frieden? Friedhofsfriede war in der Welt. Ein Friede, der durch Gesetz und Ordnung, durch nackte Gewalt aufrechterhalten wurde. Dieser Friede war kein göttlicher Friede. Er war toter Friede - unmenschlich, maßlos und perfekt.

Und so ähnlich war es auch mit der Sattheit. Zwar hatten alle Menschen genug zu essen - ein jeder so viel wie er zum Leben brauchte und etwas mehr - das Leben der Menschen aber wurde dadurch sinn- und inhaltslos. Versorgt mit allem, starb für die Menschen jegliches Ziel. Das Leben wurde zu einem spannungslosen, jämmerlichen Dahinvegetieren, zu einem Konsumieren ohne jede Schöpferkraft.

Das letzte aber, was von dem Sieg des Teufels zu berichten ist, war das Schlimmste. Es war ja auch alles Leid, alle Krankheit verschwunden. Die Ärzte und Wissenschaftler hatten das alles im Griff. Es gab Medikamente und gegen seelische Depressionen jedweder Art gab es Pillen.

Eine schöne Welt - so denken wir - aber mit dem Leid verschwanden auch Hoffnung und Liebe. Da gab es nämlich keinen Nächsten mehr, der einen brauchte. Da gab es keinen Anlass mehr, den Nächsten um irgendetwas zu bitten, und irgendwelcher Trost war schon gar nicht vonnöten.


Die Menschheit   ---   so lässt sich die Entwicklung zusammenfassen   --  die Menschheit hatte das Leben im Griff und der Teufel hatte die Menschheit im Griff, und der Tod regierte überall, und die Menschen waren stolz auf ihren Fortschritt.


Liebe Gemeinde, diese Totenwelt meiner Erzählung ist am besten zu beschreiben als gekreuzigte Welt, denn durch sie hindurch zogen sich kreuz und quer die Spuren des Todes. Wie ein Rechenblatt, so war die Welt geordnet. Wie ein Rechenblatt, so war der Lebensweg vorgezeichnet, Kreuz an Kreuz und die Balken  stoßen aneinander, und es herrscht Friede, und es herrscht Sattheit, und es gibt kein Leid, und alles ist steril und leblos. Und Gott ist überflüssig, denn es gibt keinen Grund mehr um irgendetwas zu bitten. Es gibt keinen Anlass mehr, für irgendeine Freude zu danken, denn die Freude ist durch Langeweile ersetzt.  Eine leblose, eine gottlose Welt. Eine Welt, in der Kirchen zu Kulturdenkmälern und Gottesdienste zu Touristenattraktionen geworden sind.


Hier nun beginnt der letzte Akt meiner Erzählung, denn da - urplötzlich und unerwartet – schickt Gott sein eigenes Leben  --  seine Tochter, seinen Sohn.

Es mag sein, liebe Gemeinde, es mag sein, dass Gott damals wortbrüchig geworden ist gegenüber dem Teufel - wir wissen es nicht. Aber - egal wie – als es soweit gekommen war mit der Menschenwelt, da musste der Vater handeln, denn er liebt ja das Leben der Menschen so sehr, dass er dem Treiben des Teufels unmöglich hätte weiterhin zuschauen können.


Und deshalb kommt er selbst in diese Totenwelt. Und das Lebendige begegnet dem Tod und dessen Gefolgsleuten. Gott begegnet der Einsamkeit und Verlassenheit, er trifft auf die Sinn- und die Ziellosigkeit der Menschen. Er begegnet dem Gesetz und der Ordnung, die den Friedhofsfrieden mit Gewalt aufrechterhalten.

Und schon bald kommt es zum Kampf. Denn Tochter und Sohn tanzen, wo Gesetz und Ordnung marschieren. Sie lachen und machen Späße, wo Pillen verteilt werden. Sie fasten vor Kaufhäusern, wo dahinvegetierende Menschen ihren Konsum befriedigen. Sie bringen Bewegung in die Welt,  Leben und Hoffnung - - -   auch Streit, Krankheit und Hunger.


Und bald sind alle Anstrengungen des Teufels zu nichte gemacht, denn dem tanzenden Leben hat der schwerfällige und traurige Schritt des Todes nichts entgegenzusetzen.

Und so tanzt das Leben - zart und fröhlich - durch die gekreuzigte Welt, und so manches Kreuz, so manche Todesstruktur muss dem Leben weichen.

Bald, liebe Gemeinde, ist die Welt wieder so, wie auch wir sie kennen - voller Fehler und voller Aufgaben - lebendig und liebenswert, eine erhaltenswerte Welt, eine Welt voller Kraft, voller Ewigkeit und Gott ist gegenwärtig.



Liebe Gemeinde, das Osterfest fordert Rechenschaft von uns, so habe ich am Anfang gesagt, und so wollen wir also Rechenschaft ablegen.

Ja, unsere Lebenskraft und unseren Lebensmut schöpfen wir aus dem Tanz der Kinder Gottes, schöpfen wir aus unserem Glauben, dass der Tanz des Lebens in der Auferstehung Jesu bereits begonnen hat.


Der Tod und seine Gefolgsleute, sie sind nicht stark genug, um das Leben aus der Welt herauszudrängen, denn davor steht Gott; davor steht der Vater, der das Leben der Menschen so sehr liebt, dass er nie und nimmer teilnahmslos beim Kampf des Todes gegen das Leben zuschaut.

Liebe Gemeinde, Gott hat Jesus Leben geschenkt, Leben gegen den Tod. Er wird uns, die Töchter und Söhne, dem Tod nicht ausliefern. Das glauben wir, das wird er nie und nimmer tun.

Und hier sind nun auch wir im Spiel, denn in der Osternacht teilt sich unser Lebensweg, und Gott fragt uns, wohin wir gehen werden. Werden wir uns vom Tod und seinen Gefolgsleuten vereinnahmen lassen oder werden wir auf Gottes Seite gemeinsam mit Jesus dem Tod entgegentanzen: Tanzen gegen den Friedhofsfrieden, wie gegen den Krieg; tanzen gegen den Hunger wie gegen die Mächte, die uns sättigen, damit wir uns dem Friedhofsfrieden unterordnen.

Christus, liebe Gemeinde, er ist wahrhaftig auferstanden.

Der Tod liegt im Sterben, das Leben lebt und tanzt dem Tod den Totentanz.

Das ist unser Glaube, so lohnt es sich zu leben, denn die Ewigkeit Gottes ist in solchem Leben gegenwärtig.

Amen.

Predigt: Ostern 2017 und Osternacht 1985