Licht in die Welt tragen

Licht in die Welt tragen




Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

bei uns hier in Deutschland ist es heutzutage zu einem Brauch geworden, sich abends um den Fernsehapparat zu scharen. Früher war das noch anders, da saß man abends beisammen und unterhielt sich über den vergangenen Tag oder man hörte zu, wenn ein Älterer Märchen oder Geschichten erzählte - irgendetwas, aus dem man so manche Lebensweisheit entnehmen konnte.

Auf den Philippinen - zumindest dort auf den Dörfern -  da ist das bis heute so - und ich möchte nun eine dieser Geschichten nacherzählen. Oft handeln diese Erzählungen von Königen, Prinzen und anderen mächtigen Leuten, und so ist es auch hier.


Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Und die beiden waren ihm gleich lieb. Als der König nun alt wurde, da musste er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. So schrieb es das Gesetz vor. Dem König fiel die Wahl sehr schwer, und weil er gerecht sein wollte, suchte er nach einem Weg, der keinen der beiden Söhne verletzten würde.

Eines Tages hatte der König eine Idee. Er versammelte die Weisen seines Landes und rief auch seine Söhne herbei. Dann gab er jedem Sohn fünf Silberstücke und sagte zu den beiden:  "Für dieses Geld sollt ihr bis zum nächsten Sonnenaufgang die große Versammlungshalle in unserem Schloss mit irgendetwas füllen. Womit, das ist eure Sache."

Als die Weisen das hörten, da nickten sie mit den Köpfen und sagten untereinander: "Das ist eine gute Aufgabe. Wer diese Aufgabe löst, der soll wahrhaftig König werden."


Ich halte hier ein in meiner Erzählung, liebe Konfirmanden, damit wir selbst über die Aufgabe ein wenig nachdenken können. Stellen wir uns das doch einmal ganz konkret vor:

Unsere Kirche hier könnte die Versammlungshalle sein. Und jeder von euch bekommt fünf Silberstücke, sagen wir im Wert von jeweils DM 5o.--. Also insgesamt DM 25o.--. Womit würdet ihr die Kirche füllen?  ---   Und sie soll voll werden vom Fußboden bis zur Decke.

Diese Aufgabe, liebe Gemeinde, ist nicht einfach zu lösen. Schauen wir uns an, wie die Geschichte weitergeht:


Der ältere Sohn machte sich sogleich auf den Weg. Er sagte sich: "Frisch gewagt ist halb gewonnen", und er hoffte, dass ihm unterwegs schon etwas einfallen werde. Schon bald kam er an einem Feld vorbei, wo gearbeitet wurde. Es war gerade Zuckerrohrernte in jener Gegend, und die Feldarbeiter schnitten das Rohr und pressten es in einer Mühle, so dass sich der süße Saft sammelte. Neben der Mühle aber lagen Berge des ausgepressten Zuckerrohres nutzlos herum. Der ältere Sohn dachte sich:

"Das ist eine ausgezeichnete Lösung. Hierfür werden die fünf Silberstücke ausreichen," und bald war er mit dem Vorarbeiter einig. Die Ernte wurde für diesen Tag unterbrochen, und alle Hände griffen zu, um die Versammlungshalle des Schlosses mit dem ausgedroschenen Zuckerrohr zu füllen.

Am Nachmittag war die Arbeit geschafft, und der ältere Bruder rief den Vater und die Weisen herbei und zeigte ihnen stolz sein Werk. Und in der Tat, jeder konnte sehen, wie gut die Aufgabe erfüllt war. Vom Boden bis zur Decke war die Halle voll gestopft mit dem Rohr.


Der jüngere Bruder, liebe Gemeinde, war währenddessen nicht so aktiv gewesen. Er hatte sich an ein stilles Fleckchen zurückgezogen und dachte nach. Aber ihm fiel nichts Richtiges ein. Fünf Silberstücke waren nicht die Welt, und die Versammlungshalle war groß. Dann ging die Sonne unter. Und nun   ---   während der jüngere Bruder das beobachtete, da ging ihm ein Licht auf.

Sofort brach er auf, und als er beim Schloss ankam, da staunte er doch, dass der Bruder die Aufgabe schon gelöst hatte. Der jüngere Bruder aber blieb ruhig. Er bat darum, dass die Halle wieder geleert würde und ansonsten tat er nichts. Der Vater fragte den Jüngeren, womit er denn nun die Halle füllen wolle. Aber der Vater erhielt zunächst keine Antwort, sondern wurde nur gebeten, geduldig zu sein und abzuwarten.


Mittlerweile, liebe Konfirmanden, wurde es Nacht. Die Weisen des Landes standen in der Dunkelheit zusammen und fragten sich gegenseitig, was das denn solle, dass der jüngere Königssohn die Zeit so ungenutzt verstreichen ließ.

Doch da trat der jüngere Bruder in die Mitte der Versammelten, und er bat sie, mit ihm die Versammlungshalle zu betreten. In der Hand aber hielt der jüngere Bruder so eine kleine

Öllampe, wie ich sie hier habe. Als nun alle in der Mitte der Halle standen, da hielt der jüngere Sohn die Öllampe in die Höhe, und jedermann konnte sehen, wie der Schein des Lichtes die Halle bis in die letzte Ecke ausleuchtete, die Halle ausfüllte vom Fußboden bis zur Decke.


Als der Vater das sah, da wusste er, wer sein Nachfolger werden sollte. Beide Söhne hatten die gestellte Aufgabe gut gelöst. Der jüngere aber hatte die Halle mit dem gefüllt, was alle Menschen am dringendsten brauchen. Mit Licht, so dass niemand davor Angst zu haben braucht, sich in den Dunkelheiten des Lebens zu verirren.


So weit die Geschichte von den Philippinen, liebe Gemeinde. In Bezug auf unseren Gottesglauben macht sie so manches deutlich. Zuerst dies: Das Licht, mit dem der jüngere Sohn die Halle füllt, ist in der Tat das, was die Menschen am dringendsten zum Leben brauchen. Und dabei ist es nicht so sehr das künstliche Licht der Öllampe, viel nötiger brauchen wir das Licht der Sonne, das Tageslicht, mit dem das Leben überhaupt erst möglich wird.

Mit dieser Aussage, liebe Konfirmanden, sind wir ganz am Anfang des Buches angelangt, mit dem wir während des Konfirmandenunterrichts so manches Mal gearbeitet haben. Damit beginnt alles Geschehen in der Welt, dass Gott die Finsternis zurückdrängt. Am ersten Schöpfungstag, so erzählt die Bibel, da sprach Gott: "Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war."

Liebe Gemeinde, für das Licht - für die allererste Schöpfungsgabe zu danken, das heißt  --stellvertretend für alle guten Gaben -- Gott dem Schöpfer Dank zu sagen.  Und wenn wir im täglichen Vaterunser um das tägliche Brot bitten, so ist darin natürlich auch die Bitte um das Licht enthalten.


Genauso wichtig aber wie das Sonnenlicht ist jenes andere Licht, von dem das Neue Testament erzählt. Denn, liebe Gemeinde, was kann uns die Sonne schon helfen, wenn es in unserem Inneren düster und traurig und leer ist. Wenn wir in unserem Leben rundherum und tagaus - tagein von Finsternis umgeben sind. In solche  Situation hinein hat Jesus Christus gesagt: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Ich glaube, liebe Konfirmanden, solches Licht, das mit uns mitgeht und das gerade in den dunklen Tagen unseres Lebens bei uns ist und uns leuchtet, das haben wir alle dringend nötig.


Heute nun  --  bei eurer Konfirmation  --  macht euch Gott dieses Angebot. Er bietet euch das Mitgehen seines Sohnes an. Er verspricht euch, dass ihr in eurem Leben nie die totale Finsternis erleben werdet, dass ihr vielmehr immer und zu jeder Zeit euren Lebensweg erleuchtet bekommt, wenn ihr dem Licht der Welt vertraut. Das wünsche ich euch und uns, dass ihr ab und zu beim Anblick des Sonnenscheins innehaltet und euch dankbar an den guten Schöpfer erinnert und dass ihr dann auch daran denkt, dass Gott für euch da ist, damit in eurem Leben die Finsternis nie überhand bekommt.



Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

ihr wisst bestimmt, dass ich stets versuche, bei der Konfirmation den Konfirmanden etwas zu schenken, was sie an die Predigt erinnern soll. Zumeist ist es dabei so, dass das Geschenk zuerst da ist und danach kommt die Predigt. Das, was ich euch als Erinnerung an den heutigen Tag mitgeben möchte, hat eine lange Geschichte. Es war vor drei Jahren in Jerusalem, als ich so einer Öllampe zum ersten Mal begegnete. Und da in dem Gepäck von meiner Frau und mir noch ein kleines Loch war, da haben wir dieses Loch mit einigen Öllampen gefüllt - direkt aus Jerusalem für euch. Diese Öllampen - schon Jesus hat solch eine Öllampe benutzt - diese Öllampen sind wirklich zu gebrauchen, und sie werden noch heute benutzt. Ich verbinde mit meinem Geschenk, liebe Konfirmanden, einen Wunsch oder besser eine Ermahnung. Denn Jesus hat nicht nur gesagt "Ich bin das Licht der Welt";

er hat zugleich zu uns Christen gesagt:  "Ihr seid das Licht der Welt".

Das heißt, liebe Konfirmanden, dass wir Christen das Licht Jesu nicht in uns hineinsaugen und in uns fest halten sollen, wir sollen es vielmehr widerspiegeln, so dass auch unsere Mitmenschen davon etwas abbekommen. „Ihr seid das Licht der Welt", so sagt Jesus heute zu euch, und ich bin mir gewiss, wenn ihr Jesu Licht in unsere Gemeinde zurückspiegelt, dann wird sich hier unter uns so manches verändern, dann wird so manche Dunkelheit und Finsternis unter uns keinen Raum mehr haben.

Amen.