kein Bild von Gott





Ohne Gottesbild leben  !?!

Für die Begegnung mit Gott offen sein




Als Moses eines Tages durch die Wüste streifte, erblickte er einen Hirten im Gebet.

Der Hirte sprach mit lauter Stimme:

»Gott, ich flehe dich an, lass mich deine Kleider ausbessern und deine Schuhe schnüren. Lass mich deine Haare entwirren und deine Ohren säubern. Lass mich vor deiner Türe kehren und im ganzen Haus bis zum letzten Winkel den Staub und die Flöhe verjagen.«

Da unterbrach Moses den Hirten und sagte aufgebracht zu ihm:

»Schweig still! Siehst du nicht, welch fürchterliche Gotteslästerung das ist? Schämst du dich nicht, so zu Gott zu sprechen?«

In diesem Moment öffnete sich der Himmel einen Spalt und man hörte eine Stimme von oben herab:

»Was mischst du dich da ein, Moses? Bei mir hat schon lange niemand mehr für Ordnung gesorgt! Die Hilfe des Hirten wäre wirklich nötig«


Liebe Gemeinde, diese kleine Erzählung kommt aus dem jüdischen Bereich.

Sie erzählt von der Frömmigkeit des einfachen Volkes. Und diese Frömmigkeit erringt hier über den großen Theologen und Religionsgründer Moses einen klaren Sieg.


Ich persönlich mag diese Erzählung. Ich mag diesen Hirten und seine Vorstellung, wie Gott ist und was er braucht. Natürlich ist sein Glaube ein bisschen sehr naiv. Aber der Hirte weiß es halt nicht besser, was er für Gott tun könnte.  ---   In dem einfachen Glauben des Hirten entdecke ich ein gutes Stück Engagement für Gott.   ---   Vielleicht glaubt er ja, dass Gott ihm Gesundheit oder fröhliche Kinder oder ein neu geborenes Lamm gegeben hat. Und er will sich dafür revanchieren. Und er bietet Gott das an, was er zu geben vermag.


Liebe Gemeinde, ich mag diese Erzählung nicht nur wegen der freundlichen Zuwendung des Hirten zu Gott, sondern auch weil mit dieser Erzählung der allmächtige Gott von seinem hohen Sockel heruntergeholt wird.  ---  Er wird aus seiner Unsichtbarkeit im Himmel hineingeholt in unsere Menschenwelt.

Das ist geradezu so, wie in der heiligen Nacht, wenn   --   wie die Christenheit glaubt  --   Gott in Jesus das Licht unserer Welt erblickt.


Es ist klar! In dieser Erzählung geht es in keiner Weise darum, darüber zu spekulieren, wie es bei Gott zu Hause aussieht  ---   oder auch, wie Gottes Zuhause ganz bestimmt nicht eingerichtet ist.

Es geht der Erzählung darum, zu zeigen, dass wir uns gegenseitig in unseren Gottesvorstellungen humorvoll tolerieren sollen.  --  Als sich der Himmel einen kleinen Spalt öffnet, da wird Moses durch die Worte, die er zu hören bekommt, gezwungen, einzusehen:  seine hohen und klugen Gedanken über Gott sind nicht höher oder klüger als die des Schafhirten.


Liebe Gemeinde, wir können diese Geschichte aber auch anders betrachten, denn Moses ist ja nicht ganz im Unrecht. Es heißt doch in den zehn Geboten: Du sollst dir kein Bildnis machen  --  von Gott!   

Und der Schafhirte der Erzählung  --  er verstößt ja massiv gegen dieses Gebot.    ---     Aufräumen will er, Staub putzen, vielleicht sogar Geschirr abwaschen. Der Hirte stellt sich Gott ganz menschlich vor, wie einen Single, der von ordentlicher Haushaltsführung wenig Ahnung hat.


Gott ist für ihn ein typischer Mann   ---   auch dies ist ganz deutlich. Nicht wahr, hätte nämlich der Schafhirte geglaubt, Gott wäre eine Frau, er wäre nie auf die Idee gekommen, ihr bei den Reinigungsarbeiten helfen zu müssen.


Das ist also das Bild des Hirten von Gott und was glaubt Moses? Wie denkt er von Gott?  --  Das, so finde ich, ist besonders interessant an dieser Erzählung: Auch Moses hat nämlich ein Bild von Gott im Kopf.


Moses glaubt, dass Gott einer ist, der unter keinen Umständen fremde Hilfe braucht. 

Das kann ja gar nicht anders sein! Der, der die ganze Welt geordnet hat, der hat niemanden nötig, der mal bei ihm für Ordnung sorgt.


Beide, der Schafhirte aber auch Moses machen sich ein Bild von Gott. Die Gedanken des Moses mögen ausgefeilter sein, weniger kindlich, philosophisch anspruchsvoll.


Egal wie, auch Moses hat ein Bild von Gott, auch Moses verstößt gegen das Bilderverbot.

Und das kann auch gar nicht anders sein, liebe Gemeinde. Es ist unmöglich, dem Bilderverbot der Bibel zu genügen. Gläubige sollen sich kein Bild von Gott machen, aber es geht gar nicht anders. Wenn wir anfangen, Gott zu denken, ihn zu glauben, dann formt sich in uns notwendig und automatisch immer ein Bild. Solches Bild kann ganz konkret sein: zum Beispiel ist dann Gott ein gütiger Vater. Oder das Bild kann total abstrakt sein: Gott wird dann als Liebe geglaubt oder als die Energie, die die Welt in der Waage hält. Das Bild kann positiv sein oder negativ. Es kann Gottes Existenz bejahen oder verneinen. Egal: unser Glaube kann nicht anders, er formt in uns automatisch immer ein Bild.


Da tut sich doch die Frage auf, liebe Gemeinde, wozu ist dann das Bilderverbot in den 10 Geboten gut, wenn es grundsätzlich gar nicht eingehalten werden kann?


Schauen wir uns an, was im zwischenmenschlichen Bereich passiert, wenn wir uns voneinander Bilder machen. Das sind oft leidvolle Geschichten. In der Schule zum Beispiel: da kommt ein Lehrer in die Klasse und die Schülerinnen und Schüler wissen von ihm genau: der kann manchmal ganz gemein sein, ungerecht, streng. Dieses Bild haben sie von ihm und nun, egal wie er sich verhalten wird, die Schülerinnen und Schüler werden alles, was er tut, ihrem Bild entsprechend einsortieren und damit ihre ursprüngliche Idee bestärken.

Und umgekehrt genauso: Lehrer haben Bilder von ihren Schülern im Kopf. Da ist es für einen Schüler fast unmöglich, sich zu verändern. Der Lehrer weiß schon im Vorhinein, wie dieser Schüler ist, sowohl in seiner Leistung, wie in seinem Verhalten.


In der Nachbarschaft, im Betrieb, im Sportverein überall begegnen wir diesem Phänomen: die Bilder bei uns im Kopf   ---    sie verhindern es, dass sich Leben frei entfalten kann.


Und genau das, was ich beschrieben habe, trifft auch für die Bilder zu, die wir uns im Glauben von Gott machen. Unser Gottesbild legt Gott fest, es nimmt ihm seine Lebendigkeit, es verhindert es, dass wir ihm begegnen können.


Natürlich, liebe Gemeinde  ---  ich weiß, hierüber nachzudenken, ist nur sinnvoll unter der Voraussetzung, dass Gott wirklich lebt und dass er nicht irgendeine Fantasie der Menschheit ist. Ich bitte Sie, lassen wir unsere Zweifel doch einmal für 10 Minuten ruhen. Nur für 10 Minuten ... Und nachher können wir uns unseren Zweifeln ja wieder voller Schwung zuwenden.


Aber jetzt: gehen Sie doch einmal mit mir davon aus, dass es entgegen aller Alltagserfahrung möglich ist, dass Gott uns begegnet, weil er lebt. Vielleicht ist es ja in Wirklichkeit so: Wir entdecken Gott nur deshalb nicht in unserem Leben, weil wir nach einem Gott Ausschau halten, von dem wir bereits ein fertiges Bild in uns tragen. Wir wissen zu genau, wie Gott ist.

Aber Gott begegnet uns möglicher Weise anders und er spricht zu uns anders, als es unser Gottesbild einfordert. Gottes Stimme ist für uns vielleicht deshalb unhörbar, weil wir schon immer im vorhinein zu wissen meinen, was Gott zu sagen hat.


Liebe Gemeinde ich möchte meine Gedanken am Predigttext verdeutlichen  ---   dem Text, den wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben. Nicht wahr, was wäre passiert, wenn Moses sich damals in der Wüste gesagt hätte: „Das gibt es doch nicht! Ein Gott, der solch Theater macht. Ein Busch der brennt, aber nicht verbrennt. Der soll sich doch bitte wie vorgesehen melden, während ich bete oder im Gottesdienst.   ...   Aber doch nicht so. Welch ein Spektakel!“

Und Moses wäre weiterhin durch den Kopf gegangen: „Ich glaube, ich muss wegen der Hitze hier Halluzinationen haben. Ich brauche dringend einen Arzt.“


Liebe Gemeinde, was hätte denn wohl ein moderner Psychologe dem Moses geraten? Der hätte vermutlich gesagt: „Ja, sie haben Recht, nichts als Tagträume, fremde Stimmen im Kopf. Eine Therapie könnte durchaus hilfreich sein.“


Oder aber …   Also, gehen wir einmal umgekehrt davon aus: Moses hört die Stimme aus dem Dornbusch und er vertraut seinem Dornbuscherlebnis. Er glaubt: Da hat Gott selbst zu ihm gesprochen, das zweifelt er nicht an. Und Moses zimmert sich aus dieser großartigen Erfahrung nun sein Gottesbild.


Er denkt sich, Gott sei einer, der immer dann zu hören ist, wenn ein brennender Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt. Und Moses hätte Jahrzehnte Ausschau gehalten nach solch brennendem Dornbusch, um Gott noch einmal zu begegnen.

Nur   ---   weder in der Wüste Sinai, noch sonst in der Welt gibt es das ein zweites Mal, und so hätte Moses ohne Gott durch sein Leben wandern müssen.


Was können wir aus diesen Gedanken lernen, liebe Gemeinde?

Erstens dies: wenn jemand Gott sucht, um ihm zu begegnen, dann sollte er sich darüber klar sein, dass seine Vorstellung, die er bereits von Gott hat, nicht unbedingt hilfreich ist bei der Suche, denn Gott kommt und erscheint immer wieder anders, überraschend, ganz lebendig.

Zweitens: Nur wer neugierig ist, hat überhaupt eine Chance, mit Gott zusammen zu treffen.


Noch ein letztes Mal der Predigttext: Moses sieht den brennenden Dornbusch. Würde er sich nun sagen, ach ja, so etwas habe ich schon öfter gesehen und er würde deshalb gar nicht erst dorthin gehen, dann wäre diese Möglichkeit sowohl für Gott, wie für ihn vertan gewesen. Zum Glück ist Moses ein neugieriger Mensch und er geht hin, um zu sehen, was die Welt so zu bieten hat.


Gott setzt auf neugierige, am Weltgeschehen interessierte Menschen, liebe Gemeinde.


Auch die heilige Nacht wäre ohne die Neugier ohne jede Wirkung verpufft. Sowohl die Weisen aus dem Morgenland, wie die Hirten waren neugierige Mensch.


Aber --  und das ist wichtig  --  ihre Neugier war nicht auf Gott selbst ausgerichtet. Da lässt sich nichts erfahren in Bezug auf Gott. Es geht um eine Neugier, die aufgeschlossen ist für die Welt.

Nicht wahr: Entdeckt wird ein neugeborenes Baby, dessen Eltern kein Schutz, keine Gastfreundschaft gewährt wird. Entdeckt wird ein brennender Dornbusch und mit ihm die Nachricht „ Deinem Volk geht es miserabel dort in Ägypten“. Entdeckt wird ein heller Stern, der über das Firmament wandert, und zugleich stoßen die Weisen auf den König Herodes, den die Angst vor der Sanftheit eines Babys zum Mörder werden lässt.


Gott will nicht direkt gefunden werden. Zu finden ist er hinter oder in den Weltdingen.

Und es ist interessant. Die Bibel meint, es sind immer wieder ganz bestimmte, typische Situationen, in denen Menschen auf Gott stoßen, so wie Moses und die Hirten und die Weisen.

Wer neugierig in die Welt hinein schaut, der stößt darauf, dass die Welt unfertig, nicht perfekt, ungerecht ist. Hier ist immer wieder der Ausgangspunkt, dass Menschen Gott begegnen: in der Friedlosigkeit der Welt, in Hunger und Unglück.


Liebe Gemeinde, ich habe mit einer kleinen Erzählung aus der jüdischen Frömmigkeit begonnen. Ich möchte mit einer zweiten Erzählung aus dem Judentum schließen:

Da sagt ein Religions -  Schüler zu seinem Rabbi eines Tages, er habe sich viele Gedanken über die Welt gemacht und über Gott, den Schöpfer.

„Ich bin jetzt sehr verwirrt“, fährt er fort. „Gott ist doch vollkommen. Wie ist es da möglich, dass Gott in sechs Tagen eine so fehlerhafte Welt geschaffen hat, voller Streit und Krieg, Zerstörung und Ungerechtigkeit.“

Da fährt ihn der Rabbi vehement an: „Sag mal, wenn du Gott wärest, hättest du es denn besser gemacht?“

Der Schüler erschrickt und antwortet spontan: „Ja, doch, ich denke schon. Wäre ich Gott gewesen, dann wäre vieles perfekter geworden.“

„So, du hättest es besser gemacht?“ ruft da der Rabbi laut. „Aber worauf wartest du denn noch. Du hast keinen Augenblick zu verlieren, geh und mach dich an die Arbeit.“


Also, liebe Gemeinde, lassen Sie uns neugierig einen Blick wagen in unsere unvollkommene und friedlose, aber dennoch durchaus liebenswerte Welt. Vielleicht stoßen wir dabei ja auf einen Auftrag, der uns zur Mitarbeit ruft bei der Verbesserung der Schöpfung.

Ich bin mir gewiss, Gott wird uns dabei zur Seite stehen. Er hat ja den Namen  „Ich bin da“.    ---    Das glaube ich fest: Er ist für uns da, so wahr Gott Gott ist. 

Amen.                                                   

Und der Friede Gottes ist mit uns allen. Amen.