Im Endgericht -- auf- und hingerichtet

Im Endgericht  --  auf- und hingerichtet

(Tolstoi - Kupfermünzen)


Zum Bibeltext: Matthäus 25, 31 - 46


Der Friede Gottes ist mit uns allen. Amen,

Liebe Gemeinde,

den Predigttext für das heutige Feierabendmahl haben wir bereits als Schriftlesung gehört. Wie passt das zusammen - das Motto des Kirchentages: "Seht, welch ein Mensch" und andererseits der auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzende, die Völker richtende Menschensohn?

In unserem Gleichnis ist das ein übermenschlicher ein furchtbar harter König, der da Urteile ohne Wenn und Aber fällt. "Wahrlich ich sage euch", so spricht er, "was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan." Und sie werden hingehen diese, zur ewigen Strafe.

So sagt das Gleichnis Jesu, so wird es sein. Es wird ein Gericht geben, und ihr werdet gemessen an euren Werken, an eurem Tun.

Da tut sich die Frage auf, wie das ist mit der Gnade Gottes, wie das ist mit der Botschaft von Gottes Liebe, wie das ist mit dem Glauben, dem im Gericht alles Mitspracherecht entzogen scheint

Für mich tut sich die Frage auf, ob dieses Gleichnis eigentlich ins Neue Testament und in den Mund Jesu hineingehört, wo es doch allem Anschein nach geradezu anti - evangelisch ist, mit seiner Gerechtigkeit, die allein aus den Werken kommt.

Ich denke mir, liebe Gemeinde, dass jeder, der auch nur einen kleinen Funken Glauben an einen freundlichen Gott im Herzen trägt - dass jeder diese Frage in dieser Schärfe stellen muss, denn hier steht die Frohe Botschaft, hier steht der christliche Glaube im Ganzen auf dem Spiel.

Eine Erzählung des russischen Dichters Leo Tolstoi gibt unseren Predigttext in anderer Form gut wieder, und deshalb will ich Ihnen diese Geschichte nacherzählen, damit uns die Fraglichkeit dieses Gleichnisses noch deutlicher wird.

Leo Tolstoi erzählt in seiner Geschichte ungefähr dies:

Da war ein reicher Mann, der lag im Sterben. Seine drei Söhne standen am Sterbebett, und der Vater bat sie, ihm einen Beutel mit Goldmünzen in den Sarg zu legen. Der reiche Mann sorgte so vor - für die Zeit im Jenseits. Er wollte dort nicht mittellos sein.

Nach seinem Tod kam der reiche Mann in den Himmel. Dort gab es so etwas wie eine Grenzstation. Jeder Ankömmling musste eine ganze Reihe von Formalitäten erledigen, und das kostete Zeit, dauerte und dauerte.

Der reiche Mann stand in einer langen Schlange, als er nicht weit entfernt eine herrliche Theke entdeckte, auf der Essen und Trinken von bester Qualität ausgestellt waren. In dem Moment als er das sah, verspürte er unbändigen Durst und mächtigen Hunger. Sofort scherte er aus der Warteschlange aus und ging hinüber zur Theke. Er nahm sich ein Tablett, legte ein paar Pasteten darauf, stellte ein Glas Rotwein dazu und ging danach zur Kasse.

Doch wie erstaunt war er, als er hören musste, dass seine Goldmünzen nicht die richtige Währung sind. Kleingeld in Form von Kupfermünzen, so hieß es, das war hier gefragt und sonst nichts.

Als es auf der Erde Schlafenszeit war, da erschien der reiche Mann seinen Söhnen im Traum. Er war offensichtlich sehr verärgert und befahl seinen Söhnen knapp und kurz, den Beutel mit den Goldmünzen aus dem Sarg zu entfernen und statt dessen einen Beutel mit Kupfermünzen hineinzulegen .


Die Söhne waren über ihren Traum, den sie alle drei gleichermaßen gehabt hatten, sehr verwundert. Aber sie dachten sich, der tote Vater würde schon wissen, wozu das gut sei, und so erfüllten sie dem Verstorbenen seinen Wunsch. Im Himmel wurde der Vater währenddessen immer noch an der Grenzstation aufgehalten, und sein Durst und sein Hunger nahmen ständig zu. Plötzlich spürte der reiche Mann eine Veränderung in seinem Beutel.

Er war bereits auf dem Weg zur Theke, als er endlich den Beutel aufgeknotet hatte. Kupfermünzen sah er, nichts als Kupfermünzen, und sein Herz hüpfte vor Freude. Er ergriff ein Tablett. Sein Hunger füllte es mit Speisen, sein Durst fügte köstlichen Rotwein hinzu, und schon stand er zum zweiten Mal an der Kasse. Seine Hand war gefüllt mit Kupfermünzen. Er streckte sie dem Kassierer entgegen und wich im nächsten Moment totenbleich zurück. Der Kassierer schüttelte deutlich mit dem Kopf. "Nein", so sagte der Kassierer, "nein, nein - auch diese Kupfermünzen sind nicht die Währung, die hier im Himmel zählt. Im Himmel kann man nur mit solchen Münzen bezahlen, die man auf der Erde anderen Menschen verschenkt hat."

Der reiche Mann aber war auf Erden nur sparsam gewesen und reich und angesehn, verschenkt jedoch hat er nie irgendetwas, und so wächst sein Durst und sein Hunger immer weiter, und das im Angesicht einer reich gedeckten Theke.


Liebe Gemeinde, unsere Geschichte stellt uns vor die Frage, wer denn im Himmel überleben kann, wenn dort allein diese Währung gilt - die Währung  "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern."


Ich vermute, ja ich befürchte, bei dieser Währung da ist unser aller Beutel über kurz oder lang vollkommen leer. Und wenn unsere guten Tagen aufgebraucht sind - was dann?

Das muss ein scheußlicher Himmel sein, wenn wir uns das einmal ganz konkret vorstellen.


Da ist Gott, da ist alles in Hülle und Fülle vorhanden - und es wird angestarrt von unzähligen durstigen und hungrigen Gesichtern. Ein Meer von verzerrten Gesichtern - und unser Gott da mittendrin.

Nein, liebe Gemeinde, so wird es nicht sein - solches Gericht wird es nie und nimmer geben, so wahr Gott lebt. Gott wird richten - in der Tat, aber er wird das Böse zugrunde richten, und uns Menschen wird er aufrichten.

Gott wird richten, in der Tat, er wird den Tod und unseren Geiz und unser Misstrauen richten, aber er wird uns Menschen aufrichten, uns Menschen, uns und alle.


Aber, wenn das Gericht so sein wird - ein Aufrichten der Menschen - ein Aufrichten, so wie der verlorene Sohn vom Vater aufgerichtet wird als er nach Hause kommt - was will Jesus dann mit seinem Gleichnis sagen?


Ich glaube, liebe Gemeinde, unser Predigttext hat einen ganz anderen Schwerpunkt als die Androhung eines gnadenlosen Gerichts. Ich glaube, es geht um etwas viel Wichtigeres als darum, was uns nach dem Tod erwartet.

Ich glaube, es geht um mein Leben hier und heute und darum, wie mein Leben wirklich gut und erfüllt und lebenswert werden kann.

Das Gleichnis vom Weltgericht ist ganz und gar diesseits bezogen, und Jesus verrät uns darin, worauf es für uns hier und heute ankommt. Die Wahrheit des Gleichnisses ist dabei ganz einfach: Jesus sagt, dass Gott dort wohnt, wo Menschen füreinander  geschwisterlich eintreten.


Und wo Gott wohnt, dort wohnt Friede und Heil und lebenswertes Leben.

Wo aber Menschen das Mögliche verweigern, wo sie an der Not: der Geschwister vorbeisehen, dort wohnt heute und jetzt die ewige Strafe - Angst, Elend und Not - , die Gott nicht verhindert, weil er in der Tat uns Menschen mit der Fähigkeit geschaffen hat, verantwortungslos und auf Kosten anderer zu leben.


Liebe Gemeinde, das ist die große Gefahr in unserem Leben: dass wir vergessen, dass wir es übersehen, wie unser Lebensstil für andere - nah und fern - zum Gericht Gottes wird.

Es ist ja gar nicht so, wie Leo Tolstoi erzählt, dass sich die Reichen und Unbarmherzigen selbst richten. Es ist vielmehr so, dass jeder, der mehr hat als er zum Leben braucht, dass der die Geringsten, die zu wenig zum Leben haben, richtet, weil er, aus welchen Gründen auch immer, seinen Überfluss für sich selbst reserviert.


Und indem die einen das radikale und grenzenlose Teilen verweigern, wird die Menschheit an vielen anderen Orten gottlos und zu einer gnadenlosen Gemeinschaft.

Und unser Gott wird wieder und wieder gekreuzigt - hier wie dort.

Hier, weil uns unser eigenes Bedürfnis, unser Leben abzusichern, das Wichtigste ist, und dort, weil die Bitte der Geringsten um Brot und Frieden und Gerechtigkeit ungehört verhallt.

Ich höre unsere Einwände, liebe Gemeinde.

Ich höre auch unser Unbehagen, denn all das Elend und die ganze Einsamkeit in der Welt, wer kann dem wehren - und ich allein, was kann ich schon tun?

Ich denke mir, es gibt eine Antwort. Ich denke mir, dass unser Gleichnis sagt: Tue du das dir Mögliche und tue es jetzt, solange Zeit ist.

Nicht wahr, das ist die Antwort.

Jesus macht mir kein schlechtes Gewissen, aber er fragt, ob ich das mir Mögliche tue.


Mein Reichtum, ist er lebensnotwendig?

Mein Taschengeld, brauche ich so viel?

Meine Zeit, brauche ich so viele Stunden nur für mich?

Meine Phantasie und meine Begabung, setze ich sie so ein, dass unser aller Leben menschlicher wird?

Ich glaube, das ist es, worum Gott uns heute bittet, dass wir alle überlegen -, dass wir alle vor Gott bedenken, ob wir wirklich das uns Mögliche für die Schöpfung Gottes tun.

Unser Gott bittet uns. Er ist kein herrschsüchtiger König. Er ist kein rachsüchtiger Richter. Er bittet uns. Darin ist er der wahre Mensch.

Und wir - sehen wir den menschlichen, hören wir den bittenden Gott?


Oder überhören wir das Flehen Gottes und machen so unsere Welt immer unmenschlicher und immer gottloser ?


Gott droht nicht, er bittet.

Das ist unser Gott.