Gott und die Schicksalsmächte


Gott und die Schicksalsmächte



Der Friede Gottes ist unter uns gegenwärtig.  Amen.

Liebe Gemeinde,

bei einem Gespräch mit Schülerinnen und Schülern kommt manchmal die Frage auf, wer wohl der Stärkere ist in der Welt: das Schicksal oder Gott. 

Einige der Jugendlichen sind da ganz sicher:    „Niemand", so sagen sie, „niemand kann seinem Schicksal entfliehen, und auch Gott kann da nichts ändern.“    „Die Schicksalsmächte, die unser Leben bestimmen“ - so sagen sie - „sie sind so mächtig, dass ein Mensch sich da nur fügen kann.  Eine Krankheit, ein Unfall, eine Lehrstelle - der verpaßte Bus oder der Lottogewinn - das Schicksal hat all das vorherbestimmt. Es hat uns fest in der Hand."

Ich denke, als Christ gilt es gegen diese Position Stellung zu beziehen.

Es gilt, zu protestieren gegen diese Sicht der Welt. Statt dessen bekenne ich: Ich glaube, Gott ist größer und stärker und lebendiger als alle Schicksalsmächte zusammen.

Ich will dieses Bekenntnis des christlichen Glaubens, liebe Gemeinde, mit einer Erzählung verdeutlichen, die sich auch gegen solche Schicksalsergebenheit wendet. Sie kommt aus einem fernen Land, aus Indien - sie kommt aus einer fremden Religion - dem Hinduismus.

             

Dass ich gerade diese Geschichte für diese Predigt ausgesucht habe, hat seinen besonderen Grund. Jedes Jahr wieder wird ja im Herbst die Woche des ausländischen Mitbürgers begangen.  Und in diesem Zusammenhang stieß ich auf diese hinduistische Erzählung. Ich finde, sie kann sehr schön Gemeinsames und Fremdes deutlich machen. Sie kann zeigen, dass wir immer wieder das Fremde, die ausländischen Mitbürger brauchen, damit wir aus unseren eigenen Fehlern und Vorurteilen herausgerissen werden.

Nicht wahr: Zum Beispiel diese Parole „Deutschland den Deutschen“  --  wer auch nur ein kleines bißchen Verstand hat und die Bibel kennt, der weiß, dass diese Parole tiefstes Heidentum und größte Gottverlassenheit anzeigt. Gott  --  also ich spreche hier vom biblischen Gott  --  „Gott“ das bedeutet: Aufnahme des Fremden, Annahme, Gastfreundschaft, Eintreten für seine Rechte und für sein Wohlergehen.


Ich erzähle also eine hinduistische, eine für uns fremde Geschichte. Sie denkt über den Glauben solcher Menschen nach, die davon ausgehen, dass das Schicksal einem jedem Menschen von Geburt an vorherbestimmt ist  --  bereitet von Gott oder der Vorsehung oder irgendwem sonst.


Die hinduistische Geschichte setzt bei einem alten Ehepaar ein.  Die Beiden waren ihr Leben lang fromme Leute.  Sie verehrten den Gott Schiwa, und sie waren barmherzig gegen jedermann. Eines aber fehlte den Beiden, um so richtig glücklich zu sein.  Sie hätten so gerne ein Kind gehabt.

Als der Gott Schiwa das bemerkte, da wandte er sich dem Ehepaar zu und er versprach ihnen einen Sohn.  Allerdings, liebe Gemeinde, an der Sache war ein Haken, denn das Ehepaar mußte für den Sohn schon im vorhinein sein Schicksal bestimmen.

Entweder, so sagte Schiwa, entweder wird euer Sohn ein guter und frommer Mensch sein, der mit 16 Jahren stirbt, oder aber euer Sohn wird ein übler Kerl, dafür aber wird er lange leben.

Die Eheleute nun wählten mit schwerem Herzen die erste der beiden Möglichkeiten, und so wurde das Kind geboren, und es wuchs heran, und es wurde ein guter Mensch.


Bevor ich die Geschichte zu Ende erzähle, möchte ich hier doch einhalten:

Was ist das doch für ein furchtbarer Gedanke, der hier im Zusammenhang mit dem Schicksalsglauben ausgedrückt wird:   Ich stelle mir vor, ich wäre Vater dieses Kindes und ich müßte chancenlos zusehen, wie der 16te Geburtstag  --   der Todestag meines Kindes heranrückt  --  nein, ich spüre dieser Gedanke ist kaum auszuhalten.

Oder anders herum, liebe Gemeinde. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre der Sohn und ich weiß: Meine Eltern haben mir den frühen Tod gewählt. Abscheulich, das denken zu müssen.

Die hinduistische Erzählung nun fährt so fort, dass die Eltern dem Sohn sein Schicksal nicht verheimlichen, das vor ihm liegt. Und als der Jüngling das 16. Lebensjahr erreicht, da wird ihm angst und bange.  Er fühlt es ganz deutlich, als sich der Totengott zu ihm auf den Weg macht. Da -- in seiner verzweifelten Todesangst -- flieht der Jüngling zu Schiwa .  Er eilt in den Tempel und klammert sich dort am Altar Schiwas fest in der Hoffnung, dass ihn der Tod dort nicht wegholen kann.

Der junge Mann, liebe Gemeinde, sucht dort Schutz, wo sein Leben herkommt.  „Wenn," so mag er gedacht haben, „wenn ich schon sterben muß, so soll Gott Schiwa in der Nähe sein, und er soll sehen, was er mir und meinen Eltern antut."

Der Jüngling umklammert also den Altar, während der Tod auf dem Weg zu  ihm ist.  Jedoch der Tod findet ihn auch hier.  Der Tod kommt mitten hinein in das Heiligtum und wirft dort seine Schlinge aus, um den Jüngling in sein Reich mitzunehmen.

Doch da, in diesem Augenblick, erscheint Schiwa selbst. Er zersprengt seinen eigenen Altar, er springt aus ihm hervor und tötet mit einem einzigen Lanzenstich den Tod, bevor dieser sein Werk verrichten kann.


Die hinduistische Geschichte, liebe Gemeinde, erzählt, dass das Schicksal nicht zum Zuge kommt, dass es sich vielmehr  --  genau andersherum  ---   der Macht Schiwas zu beugen hat.

Für mich ist diese Geschichte   --  so fremd sie auch in unseren Ohren klingen mag   --  ein gutes Beispiel, um deutlich zu machen, dass Gott mächtiger ist als alle Mächte der Welt, ja mächtiger ist als der Tod selbst. Und ich finde es sehr schön, dass der christliche und der hinduistische Gottesglaube sich hier sehr, sehr nahe sind.


Ich löse mich nun aber von der Erzählung und wende mich dem zu, was wir von unserem Gott bekennen, was wir mit ihm erfahren haben.

Wir glauben ja eben nicht an Schiwa, vielmehr haben wir eine eigene Tradition, die Gott als den Vater des jüdischen Volkes und als den Vater Jesu Christi bekennt, der allein Gott ist und keiner neben ihm: kein Totengott, kein Schicksalsgott, keine Glücksgöttin, vielmehr nur ein Gott: der Vater, der Sohn und der heilige Geist. 

Und von diesem Gott glaube ich, dass er es nicht zuläßt, dass irgendwelche irrationalen und willkürlichen Schicksals - Mächte hineinregieren in seine Welt.  Dieser Gott läßt es nicht zu, dass das Schicksal oder der Tod die Oberhand gewinnen über das Leben, und sei es nur ein einziges Mal.

Der christliche Glaube, liebe Gemeinde, hat für dieses Bekenntnis ja ein ebenfalls sehr eindrückliches Bild:

Ich denke da an das Kreuz Jesu Christi.  Dort am Kreuz, dort wird der Kampf zwischen der Macht des Schicksals und der Macht Gottes ausgetragen.

In der Tat - wenn der Tod das letzte Wort über das Leben Jesu behalten hätte, und danach wäre  nichts mehr gekommen - dann müßten wir Christen hier schweigen und wir müßten uns darauf vorbereiten, dass das Schicksal auch unser Leben ausradieren wird.

Jedoch, liebe Gemeinde, ich glaube, dass das Schicksal und dass der Tod am Kreuz endgültig ihre Macht verloren haben, denn mit dem Kreuz durchkreuzte Gott deren Gewalt, und sie blieben auf der Strecke, als Jesus von den Toten auferstand.

Schicksal und Tod sind nicht stark genug, um das Leben im Reich des Todes festzuhalten, vielmehr siegt das Leben,

vielmehr siegt der Gott des Lebens über Schicksal, Tod und Teufel.  Das, liebe Gemeinde, erzählt das christliche Kreuz:

Der gekreuzigte und auferstandene Christus - er weist uns den Weg zum Leben.  Er schenkt uns den Glauben daran, dass alle Not und alles Leid nicht schicksalhaft und unveränderlich über die Menschen kommen, dass wir vielmehr in der Verantwortung vor Gott unser Leben und unsere Welt zum Guten hin gestalten können.

Wäre unsere Zukunft tatsächlich durch irgendwelche Schicksalsmächte bereits festgelegt, es wäre lachhaft, wenn wir irgendwo Verantwortung übernähmen oder uns irgendwo wegen eines Fehlers Vorwürfe machten.

Nicht wahr, weil wir daran glauben, dass es Gott in unsere Hände gelegt hat, was aus seiner Schöpfung wird, deshalb ist es  sinnvoll und gut, wenn wir unsere Verantwortung wahrnehmen.

Dafür wünsche ich uns allen, insbesondere den Schwachen in unserer Gesellschaft, dass Gott uns segnet. Denn indem er uns verantwortlich leben läßt, segnet er in unserem Tun die Schwächeren unter uns und indem wir die Schwächeren begleiten und nicht ausgrenzen, segnet Gott uns.

Wie heißt es da doch? Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes. Selig sind die Fremden  --  so ergänze ich  --  denn sie werden Heimat finden unter uns. Amen.