gesegnet sterben





...gesegnet sterben, ... alt und lebenssatt






Der Friede Gottes ist mit uns allen.


Liebe Gemeinde,

über das „Segnen eines Menschen“ und über den Segen, den Gott verschenkt, ist schon viel nachgedacht worden. Heute will ich dem nachspüren, was „gesegnetes Sterben“ bedeuten könnte.

Gibt es das? Kann es das geben, dass wir im Segen Gottes sterben? Ist denn nicht der Tod immer der Sünde Sold, so wie Paulus das gesagt hat? Ist es nicht so, dass der Tod immer ein unerwünschter Gast ist, solange wir leben?

Das sind viele Fragen, die jetzt gestellt sind.  ---  Ich will im Angesicht all dieser Fragen danach fragen, ob es und wie es möglich ist, dass ich gesegnet sterbe.


Ich lege meinen Gedanken eine Erzählung Albert Schweitzers zugrunde und beginne mit zwei Vorbemerkungen:

Zunächst zu dem Autoren Albert Schweitzer selbst: Das Wissen um ihn ist heutzutage ziemlich verblasst, obwohl es viele Schulen mit seinem Namen gibt und auch Straßen, die seinen Namen tragen.

Albert Schweitzer gehört mit seiner Lebenszeit in das vergangene Jahrhundert. Ursprünglich studierte er Theologie, wurde Professor und schrieb bedeutende religiöse Werke. Zudem liebte er die Orgelmusik. Er war ein hoch geachteter Bach – Interpret.

Diese beides – die Orgel und die Theologie --  beides war ihm sehr wichtig, aber dann wurde ihm bei der intensiven Beschäftigung mit Jesu Botschaft klar, dass christlicher Glaube praktisch gelebt werden will und es nicht so sehr darauf ankommt, möglichst viel über Gott zu wissen.

So studierte Albert Schweitzer ein zweites Mal und er wurde Arzt.

Seine Ehefrau und er gingen vor ungefähr 100 Jahren nach Afrika, dorthin, wo nie ein Arzt zuvor hinkam. Und dort bauten die beiden mit der Hilfe der in dieser Gegend lebenden Afrikaner ein Krankenhaus auf, mitten im Urwald in Lambarene, einem Ort, der heute in Gabun gelegen ist.

1953 bekam Albert Schweitzer für sein mitmenschliches Engagement den Friedensnobelpreis verliehen.


Die zweite Vorbemerkung betrifft die Erzählung selbst: Albert Schweitzer beschreibt in ihr als Hauptperson einen kleinen Heiligen.

Es ist kein Heiliger mit großem Namen   --   nicht Franziskus oder die heilige Elisabeth; nicht Benedikt von Nursia oder Nikolaus oder Katharina. Die Hauptperson ist ein namenloser Heiliger, von denen es unendlich viele gibt, wie wir bei dem Apostel Paulus erfahren können.

Denn ein Heiliger ist jeder Mensch, der zu Gott gehört.  --  Und wer gehört denn eigentlich nicht zu Gott? --  Also auch die Tiere, die Natur  --  alles, was zu gehört, ist heilig und ihm ist deshalb mit Ehrfurcht zu begegnen, wie Albert Schweitzer es selbst viele Male gesagt hat.

Es ist also wohl so, liebe Gemeinde, dass wir selbst  ---  dass jeder von uns  ---  mit der Hauptperson gemeint ist.


So, nun wird es Zeit, die Erzählung vorzulesen:


Es war einmal ein kleiner Heiliger, der hatte viele Jahre ein glückliches und zufriedenes Leben geführt.

Als er eines Tages gerade in der Küche beim Geschirr Abwaschen war, kam ein Engel zu ihm und sprach:  „Der Herr schickt mich zu dir und lässt dir sagen, dass es an der Zeit für dich ist, in die Ewigkeit einzugehen.“

„Ich danke Gott, dass er sich meiner erinnert“, erwiderte der kleine Heilige. „Aber du siehst ja, was für ein Berg Geschirr hier noch abzuwaschen ist. Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber lässt sich das mit der Ewigkeit nicht noch so lange hinausschieben, bis ich hier fertig bin?“

Der Engel blickte ihn nach Engelart weise und huldvoll an und sprach: „Ich werde sehen, was sich tun lässt“, und verschwand.  Der kleine Heilige wandte sich wieder seinem Geschirrberg zu und danach noch allen möglichen anderen Dingen...

Eines Tages machte er sich gerade mit einer Hacke im Garten zu schaffen, da erschien auf einmal wieder der Engel.  Der Heilige wies mit der Hacke gartenauf und gartenab und sagte: „Sieh dir das Unkraut hier an! Kann die Ewigkeit nicht noch ein bisschen warten?“ Der Engel lächelte und verschwand abermals.

Der Heilige jätete den Garten fertig, dann strich er die Scheune. So werkte er fort und fort, und die Zeit ging dahin ...

Eines Tages pflegte er die Kranken. Er hatte eben einem fiebernden Patienten einen Schluck kühlen Wassers eingeflößt, da sah er, als er aufblickte, wieder den Engel vor sich. Dieses Mal breitete der Heilige nur Mitleid heischend die Arme aus und lenkte des Engels Blicke mit den Augen von einem Krankenbett zum anderen.

Der Engel verschwand ohne ein Wort.

Als der kleine Heilige sich an diesem Abend in sein Zimmer zurückzog und auf sein hartes Lager sank, sann er über den Engel nach und über die lange Zeit, die er ihn nun schon hingehalten hatte. Mit einem Mal fühlte er sich schrecklich alt und müde, und er sprach:

„0 Herr, könntest du deinen Engel doch jetzt noch einmal schicken, er wäre mir sehr willkommen.“

Kaum hatte er geendet, stand der Engel schon da: „Wenn du mich noch nimmst“, sagte der Heilige, „So bin ich nun bereit, in die Ewigkeit einzugehen!“

Der Engel blickte den Heiligen nach Engelart weise und huldvoll an und sprach: „Was glaubst du wohl, wo du die ganze Zeit gewesen bist?“

(Albert Schweitzer)


Liebe Gemeinde,

ich finde, Albert Schweitzer malt mit seiner Erzählung sehr schön aus, was es heißt, alt und lebenssatt, also im Segen Gottes zu sterben.

So wie sich hier der kleine Heilige in einem letzten Schritt dem Sterben zuwendet  --  so wie er Abschied nimmt vom Leben, so wünschen sich das viele Menschen, wie ich in vielen Gesprächen in den letzten Wochen erfahren habe.


Was erzählt Albert Schweitzer darüber, wie es kommt dazu, dass der kleine Heilige am Ende ohne Einschränkung „Ja“ sagen kann zu dem Engel, der ihn ruft?


Für mich ist eine erste Erkenntnis ganz wichtig. Die Erzählung zeigt, dass für den kleinen Heiligen, solange er lebt, der Gedanke präsent ist, dass am Ende des Lebens das Sterben steht.    ------   Der Gedanke, dass ich sterblich bin, steht in der Erzählung zwar nicht im Vordergrund, er wird aber auch nicht verdrängt. Dreimal kommt ja der Engel. Wiederholt muss der Heilige also sein Leben, seine Arbeit unterbrechen. Und er wird daran erinnert, dass das Leben nicht alles ist.

Immer wieder einmal zu bedenken, dass wir sterblich sind, liebe Gemeinde, das ist, so glaube ich, ein wichtiger Schritt. So wird das Sterben, wenn es dann kommt, nicht mehr nur fremd und feindlich sein.


In der Tat, es gibt ein grausames Sterben  --  den Unfall, die Krankheit, die den Tod bringen zur Unzeit. Aber nicht alles Sterben ist grundsätzlich böse.  --  Es gibt ein Sterben, das in Ordnung ist, denn wir Menschen können das Leben, das wir doch so lieben, nicht leben, ohne auch am Ende das Sterben zu durchleben.

Alles hat Anfang und Ende in unserer Welt. Das ist die Ordnung, die Gott der Schöpfung und allen Geschöpfen gegeben hat. Und deshalb gilt es im Leben, das Ende zu bedenken, damit wir es freundlich begrüßen, wenn es kommt.

Der bekannte Heilige Franziskus von Assisi, liebe Gemeinde, --  er spricht in seinem Sonnengesang den Tod als seine Schwester an. So auch der kleine Heilige  --  auch er lädt am Ende, als er alt und müde ist, das Sterben ein und heißt es willkommen.


Es ist interessant:   Durch Albert Schweitzers Erzählung hat sich für mich unser Ausgangsthema verschoben. Da sich ja das Sterben als ein ständiger Begleiter im Leben erweist und unbedingt zum Leben dazu gehört, so frage ich nun nach dem gesegneten Leben und das gesegnete Sterben ist nicht länger etwas Eigenständiges, sondern ist zum Teil des größeren Ganzen geworden.

So sieht das auch Albert Schweitzer, wenn er erzählt, dass der kleine Heilige, ohne es zu bemerken und ohne es zu wissen, schon immer sein Leben in der Gegenwart Gottes gelebt hat. Am Ende sagt er ja zum Engel: „Wenn du mich noch nimmst, so bin ich nun bereit, in die Ewigkeit einzugehen!“  Der Engel aber blickte den Heiligen nach Engelart  weise und huldvoll an und sprach: „Was glaubst du wohl, wo du die ganze Zeit gewesen bist?“


Ich meine, hierauf kommt es dem Theologen Albert Schweitzer vor allem an.    ---    Er will uns darauf aufmerksam machen, dass sich das Leben mit Gott, also die Ewigkeit und das gesegnete Leben nicht erst in der Zukunft oder gar im Jenseits ereignen, sondern hier und heute.    ----    Beim Geschirrspülen, beim Unkraut Jäten, bei der Diakonie am Krankenbett  ----  Gott ist in der Nähe, er ist gegenwärtig.


Wir glauben immer, es braucht die besondere Situation, das Wunderbare, damit Gott spürbar wird, uns nahe ist.  --  Gottes Wirklichkeit aber ist anders. Sein Reich, seine Ewigkeit sind mitten unter uns bereits angebrochen im Alltäglichen, Unauffälligen. Diese biblische Erkenntnis nimmt Albert Schweitzer ganz ernst.


Daran, wie der kleine Heilige lebt  --  daran ist ja nichts Spektakuläres. Er tut seine Arbeit.   ---   Er tut seine Arbeit, weil sie getan werden muss. Er erledigt seine Aufgaben, weil das zum Leben dazu gehört.

Er fragt nicht danach, ob er sich damit den Segen Gottes, gesegnetes Sterben oder Leben verdienen kann.   Er lebt sein Leben in aller Einfachheit. Ohne Angst, etwas zu verpassen; ohne den Anspruch, dass durch ihn die Welt besser wird.


Der kleine Heilige, liebe Gemeinde, lebt sein Leben nicht, indem er sich Großes zutraut, er lebt es im Vertrauen auf Gott.  --  Das wird in der Erzählung nirgends direkt ausgesagt, so wie überhaupt über den Glauben des Heiligen nichts geäußert wird. Aber an dem, wie er lebt, mit welcher Selbstverständlichkeit er auf die Erfordernisse des Lebens antwortet  --  daran lässt sich ablesen, dass für ihn die Welt eine gute Schöpfung Gottes ist, in der Gott dafür sorgt, dass es seinen Geschöpfen gut ergeht.


So muss der kleine Heilige also nicht für sich sorgen, damit er das bekommt, was er zum Leben braucht. Er muss nicht fanatisch und krampfhaft das festhalten, was er besitzt. Stattdessen kann er im Leben, wie im Sterben loslassen und weggeben.

Albert Schweitzer hat hier eine ganz freie Liebe zum Leben skizziert, die aus ihrer Freiheit heraus am Ende sogar bereit ist, den Schritt in den Tod hinein zu wagen. Und dieser letzte Schritt ergibt sich gleichsam von selbst aus dem vertrauensvollen Schritt für Schritt der Vorwärtsgehens im Alltag.


Der Tod, das Sterben ist ein Schritt unter anderen. Aber alle Schritte führen hin zu diesem letzten Schritt.   ---    Und deshalb ist das Gottvertrauen während all der kleinen alltäglichen Schritte die beste Einübung, um dann beim Abschied vom Leben einstimmen und zustimmen zu können, wie es der kleine Heilige tut, indem er den Engel willkommen heißt. 

Amen.