Der Gast - ein Segen

Der Gast  --  ein Segen



„Geh,“  so sagte die innere Stimme zu ihm: „Geh und tröste jemanden, der traurig ist!“


„Der inneren Stimme zu folgen, ist gut,“  dachte er. Und er dachte noch, „und es kann nicht schwer sein, einen Traurigen zu trösten.“


Aber zuerst hieß es ja: „Geh!“


Also ging er. Er kam in das Städtchen. Fröhliche Kinder begegneten ihm. Vor einem Schaufenster stand eine ältere Frau. Er stellte sich zu ihr.


„Sind Sie traurig,“ fragte er. Die ältere Frau sah ihn erschrocken an. Zuerst erschrocken, dann ängstlich, dann abweisend. Sie ging schnell weiter.


Der Mann suchte einen Traurigen. Er begegnete Menschen, er fand sie. Aber niemand wollte traurig sein, niemand wollte getröstet werden.



Mittagszeit: knurrender Magen. Kein Geld in der Tasche. Trotz des dicken Mantels ist dem Mann kalt geworden. Da – eine Kirche.


„Wo eine Kirche ist, ist auch ein Pfarrhaus.“ Das weiß der Mann.


„Und wo ein Pfarrhaus ist, ist Barmherzigkeit. Naja, vielleicht nicht gerade Barmherzigkeit. ----  Aber doch zumindest die Angst, unbarmherzig zu erscheinen.“ Das weiß der Mann.


Also: erst einmal Mittagspause.   „Die Suche nach dem Traurigen darf ich nicht überstürzen,“ denkt der Mann. „Und zudem“ – so kommt es ihm in den Sinn – „mit leerem Magen und echtem Hunger kann ich nur schwer einem anderen Trost zusprechen.“


Mittlerweile hat der Mann die Tür zum Pfarrhaus erreicht. Er steht vor meiner Tür. Als ich das Klingeln höre, denke ich sofort: „Besser nicht öffnen, ich will jetzt gerade mal meine Ruhe haben.“


Ich öffne. Wie erwartet – ein Penner. Ich biete ihm Essen und Trinken an. Ich brauche ihm noch nicht einmal zu erklären, dass ich kein Geld gebe.


Der Mann nimmt meine Einladung dankbar an.


Er sitzt in der Küche. Die Erbsensuppe steht auf dem Herd. Vor uns ein Milchkaffee. Wir trinken gemeinsam. Dem Mann mir gegenüber tut das sichtlich gut.


Nach dem Essen öffnet sich ein Gespräch.


Der Mann sagt: „Nicht wahr, Sie haben es doch ziemlich schwer. --  Alle möglichen Menschen wollen von ihnen Trost, Hilfe, Mut. Und Sie wissen nie, ob sie nicht ausgenutzt, missbraucht werden.“


Der Obdachlose sagt: „Für mich sind die Pfarrhäuser Herbergen. Ich weiß nicht, ob es jeder Pfarrer ehrlich meint oder ob er mich vielleicht zur Hölle wünscht, weil ich störe.  –   Aber egal,“  so fährt er fort, „ich bin für jede Hilfe dankbar – auch für das Abgespeist - Werden, und auch für das hektische   „Hier nehmen Sie, ich habe momentan keine Zeit – leider“.


Und dann sagt der Mann noch, bevor er geht  --  nach Erbsensuppe, Kaffee und Zigarette: „Dankeschön,“ sagt er. Und er sagt: „Gott segne Sie.“


Ich muss ziemlich überrascht geguckt haben, bei diesen Worten, bei solchem Abschied, denn der Mann fügt noch schnell hinzu: „Ich glaube wirklich an Gott. Gott ist mit uns. Auch wenn andere uns zurückstoßen oder unsere Hilfsbereitschaft missbrauchen. Gott wird uns dennoch Durchhaltevermögen schenken.“


Nun geht der Mann wieder durch die Straßen. Er sucht jemanden, der traurig ist. Er hat es gar nicht bemerkt, dass er bereits gefunden, ja dass er getröstet hat.




Ein Gedanke: Ich möchte meinen Blick auf den Obdachlosen als Gast im Pfarrhaus lenken.

Wer ist der Gast, wer ist der Gastgeber. Zunächst ist das klar. Der Obdachlose ist zu Gast im Pfarrhaus – aber dann dreht sich in meinen Augen die Gastgeberschaft.

Indem der Mann von der Straße, tröstende, ermutigende Worte ausspricht, wird der Pfarrer zu einem Gast bei Gott.


Ja, bei Gott selbst – ich glaube, dass dies die wesentliche Erfahrung von Gastgebern ist, dass zunächst sie schenken, dass aber am Schluss der Gastgeber der Beschenkte ist – beschenkt, weil er merkt, wie der Segen Gottes bei ihm Einzug hält. Amen.