11.9.2001 - WTZ


World Trade Center

11.September 2001



Liebe Gemeinde,

die letzte Woche, so denke ich, hat uns alle ganz Ähnliches erleben lassen. Niemand hat vermutlich diese Tage so erlebt, als seien sie ganz alltäglich, ganz ohne besondere Bedeutung gewesen.


Für mich fing der Dienstagvormittag damit an, dass ich mit einer Abiturklasse über das Thema gesprochen habe:  Die Welt ist in Ordnung.


Uns war klar, so zeigte es das Gespräch  -- es gibt einiges in der Welt, das falsch läuft. Aber letztlich so äußerten sich viele  --  aufs Ganze gesehen ist die Welt doch in Ordnung  --  halt mit einigen Ausnahmen.


Am Nachmittag -- kurz vor 16.00 Uhr  --  fragte ich mich dann, ob wir uns nicht an diesem Vormittag in der Schule doch gründlich geirrt hatten?


Bevor ich den Schritt in die schrecklichen Bilder des Nachmittags mache, möchte ich noch etwas aus dem Gespräch mit den Abiturienten berichten. Eine Schülerin fand nämlich ein besonders anschauliches Bild, um ihr Gefühl dafür auszudrücken, dass für sie alles gut ist. Sie beschrieb das so:


Die Welt ist für mich wie eine Bibliothek, wie unsere Stadtbücherei ----  genauso geordnet ist die Welt. Alles steht an seinem Platz, und deshalb kann ich mich auch in der Welt zurecht finden. Ein Apfel fällt nach unten. Das ist seine Ordnung.  Und weil alles geordnet ist     ---    deshalb ist auch alles in Ordnung.“


Und dann der Nachmittag...   Die Flugzeuge, die da in die Türme des World Trade Center gejagt wurden. Das brennende Pentagon, der Zusammensturz der Türme.  --  Ich denke, wir alle sehen das alles vor unserem inneren Auge .... 

Mit dem Bild der Bibliothek gesprochen waren diese Terrorakte so, als sei eine Bombe in den Räumen einer Bücherei gezündet worden und alles brennt , kein Buch ist mehr wiederzufinden, denn entweder steht es nicht mehr an seinem Platz oder es ist verbrannt, zerrissen, zerstört.


Nein, die Welt ist nicht in Ordnung  --  nicht mehr  --  nicht mehr --

Und übrigens, so überlege ich  -- vielleicht ist sie ja noch nie in Ordnung gewesen und wir haben uns das nur vorgemacht.


Ich bin innerlich ganz zerrissen, liebe Gemeinde.

Wo stehe ich?

Was sollen wir glauben?


Auf der einen Seite steht das Vertrauen in Gott, letzte Spuren des Gottvertrauens. Auf dieser Seite hoffen wir, dass in der Tat    ----      dass in Gottes Namen dem Bösen und seiner Macht Grenzen gesetzt sind.

 

Und die andere Seite? Wir sind tief bewegt von der Erkenntnis: Es ist nichts mehr in Ordnung. Die Terroristen siegen, es gelingt ihnen. Die Welt geht im Chaos unter.   ---    Und ihre Gewalt wird zu neuer Gewalt führen  ---  zu neuer Gewalt ---  zu neuer Gewalt.

Es gibt Menschen, die sprechen bereits von Krieg. Er sei "Not" wendig, er sei unvermeidlich.

Dieser Terrorakt   ---   er hat erreicht, was er erreichen wollte: Er hat Mißtrauen gesät statt Gastfreundschaft, Mißtrauen anstatt, dass wir in fremden Menschen weiterhin unsere Geschwister erkennen.



Wir stehen in diesen Tagen an einer Weggabelung.

Wohin will ich weitergehen?

Soll ich weiterhin Vertrauen investieren?

Soll ich weiterhin sagen:   "Ja, es ist sinnvoll Frieden zu leben, statt Krieg?"

Oder gilt nun: Auge um Auge, Zahn um Zahn. 10 000 unschuldige Menschen in New York gegen 10 000 unschuldige Menschen in Kabul oder in Teheran oder in Damaskus.



Ich schlage meine Bibel auf. Ich schaue in das Buch, das wir Christen als heiliges Buch mit den Moslems und den Juden teilen. Ich schaue in die hebräische Bibel.

Ich lese dort von Abraham, dem Ur - Vater des Glaubens, wie er im Islam, im Judentum und im Christentum verstanden wird. Ich lese in der Bibel, um mich zu orientieren, was dort über  die Begegnung mit fremden Menschen gesagt wird.

Ich lese uns Verse vor aus dem 18ten Kapitel des Buches Genesis, 1 – 15.



Und der HERR erschien Abraham im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.

Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber.

Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und laßt euch nieder unter dem Baum.

Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, daß ihr euer Herz labet; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.

Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feinstes Mehl, knete und backe Kuchen.

Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes Kalb und gab's dem Knechte; der eilte und bereitete es zu.

Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen.

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt.

Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes.

Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, so daß es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.

Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Ehegatte ist auch alt!

Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, daß es wahr sei, daß ich noch gebären werde, die ich doch alt bin?

Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.

Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht -, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.



So weit die biblische Erzählung. Es geht mir, liebe Gemeinde, um das Thema der Begegnung mit Fremden. Das, was ich lerne ist dies:

Mit einem fremden Menschen, der mein Haus betritt, könnte Gott selbst zu Besuch kommen. Abraham rechnet mit solcher Begegnung. Wer aber  --  so muss diese Aussage nun auch gedreht werden  --  wer den Fremdling voller Mißtrauen aus seinem Haus oder Land ausschließt, der verweigert sich Gott.


Ich lerne aus der Abraham – Geschichte: mit der Gastfreundschaft, die jemand praktiziert, kommt  der Segen Gottes zu ihm. Sara und Abraham bekommen für ihr Leben eine neue Perspektive;    Glück und Zukunft wird ihnen eröffnet.

Nicht wahr, hätte Abraham die Tür seines Zeltes geschlossen gehalten, das Glück wäre vorbeimarschiert -- das will unsere Erzählung  verdeutlichen.


Aber, so fragen wir bei solcher positiven Sicht, gibt es denn nicht auch den Mißbrauch von Gastfreundschaft und müssen wir uns nicht dagegen schützen?

Und gibt es etwa heutzutage --  im Angesicht der Terrorakte von Amerika  -- einen anderen Weg, als sich total zu verschließen?


Ich persönlich denke: Es gibt keinen absoluten Schutz gegen den Vertrauensbruch. Wir können uns nicht schützen, noch nicht einmal Gott kann uns schützen, wir müssen unser Leben riskieren und vielleicht werden wir dabei enttäuscht.


Und sogar ein weltweiter Krieg gegen den Terrorismus wird das Böse in der Welt nicht ausmerzen.

Kann ein Rachefeldzug helfen?

Kann schreckliche Vergeltung mögliche neue Täter abschrecken?


Unsere Welt hat soviel Vergeltung gesehen, sie ist dadurch nicht besser geworden.

--

Interessanterweise denkt in der Bibel genau die nächste Erzählung, die sich unmittelbar an den Besuch Gottes in Gestalt der drei Männer bei Abraham anschließt, darüber nach.

Wenn Sie möchten, dann lesen sie die Geschichte doch zu Hause noch einmal ausführlich nach. Ich möchte hier nur das Wesentliche zusammenfassen:


Es geht in dieser Geschichte um Sodom und Gomorrha. Als guter Gastgeber begleitet Abraham Gott noch ein Stück des Weges. Dann stehen sie oberhalb Sodoms und Gott teilt Abraham seinen Entschluß mit, er wolle Sodom wegen der Bosheit der Einwohnerschaft zerstören. Abraham sagt erschrocken: „Und die Gerechten, die in Sodom leben? Sollen auch sie ausgemerzt werden? Vielleicht gibt es 50 Gerechte!“

Gott gibt Abrahams Bedenken nach:   „Ja, wenn 50 Gerechte gefunden werden, dann sollen alle leben – auch die Bösen, die es nicht verdient haben."

Und nun erzählt die Bibel von einem Feilschen wie auf dem Jahrmarkt. 45 Gerechte, 40, 30 , 20, 10.  Gott gibt jeweils nach.


In der Tat, wie kann Gott einen Gerechten töten, nur weil der mit bösen Mitmenschen zusammenlebt.


Als ich jetzt diese Erzählung ganz neu gelesen habe, kam mir der Gedanke: „Schade, dass Abraham hier aufgehört hat mit seiner Verhandlung. Wäre er konsequent gewesen, er hätte sogar um die Bösen gekämpft.


Egal wie. Die Geschichte endet damit, dass Sodom von einem Schwefel– und  Feuerregen zerstört wird, denn noch nicht einmal 10 Gerechte werden gefunden. Aber vier Bewohner Sodoms werden doch gerettet, kein Unschuldiger muss daran glauben.


Menschliche Vergeltungsmaßnahmen arbeiten genau anders herum:   Spüren sie das?

 

Oberhalb von Sodom stehen Abraham und Gott. In dem Gespräch der beiden heißt es nicht, da gibt es einige Böse in der Stadt. Sie müssen getötet werden, damit das Böse nicht weiter anwächst. Schade um die Unschuldigen, aber darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen. Selber schuld, wenn die Gerechten die Bösen unter sich dulden. Jetzt gibt es nur noch eins. Vergeltung!


Zwischen Abraham und Gott verläuft das Gespräch umgekehrt:   Zwei Handvoll Gerechte sind ein Schutz für eine ganze bösartige Stadt. Um der Unschuldigen willen sind die Schuldigen zu verschonen.


Ich denke, liebe Gemeinde, Jesus hat diese Tradition gut fortgeführt, wir haben darüber aus der Bergpredigt gehört. "Liebet eure Feinde!", sagt er.


Aber welchen Weg schlagen wir nun in den nächsten Wochen ein? Lernen wir bei Abraham und Jesus?

Setzen wir unser Vertrauen weiterhin auf Gott?


Eines ist sicher: Wenn wir weiterhin daran festhalten wollen, dass die Welt letztlich in Ordnung ist, weil sie von Gott herkommt  --  wenn wir diesen Glauben festhalten wollen, dann wird das ein Kampf werden. Solches Vertrauen in Gott kann kein naives Vertrauen sein.

Aber ist denn der andere Weg wirklich eine Alternative:  In jedem Menschen einen Feind zu vermuten und ihn so zu behandeln?


Die Feindesliebe, von der Jesus spricht, sie verwandelt nicht unsere Feinde in Freunde, aber sie tut dies:

Sie verhindert, dass wir zu Feinden werden für alle Fremden, die uns begegnen.

Die Feindesliebe verwandelt uns. Sie macht uns zu Freunden, die Gastfreundschaft geben, wo Freundschaft gesucht wird.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.