... als der Oberteufel den Bauch einzog ...


... als der Oberteufel den Bauch einzog ...


Von denen, die wirklich einen Platz in der Hölle verdienen

Liebe Gemeinde,

in der Regel enden die Briefe im Neuen Testament mit einem Segenswunsch. Im Hebräer - Brief heißt es am Schluss: „Der Gott des Friedens, der Jesus aus dem Tod ins Leben zurück gerufen hat, er möge euch zu allem Guten fähig machen, um seinen Willen zu tun. Er wirke unter uns, was ihm wohl gefällt, durch Jesus Christus.“


In dem Predigttext ist eines deutlich gesagt:

Der Ausgangspunkt für das Gute, das Leben Erhaltende in unserer Welt ist Gott. Es ist der Gott des Friedens, ohne dessen Tun nichts Gutes in unserer Welt geschieht.

Wie sähe unsere Welt aus ohne Gott?   --   Wir wären ohne Gottes Dasein dem Zufall des Geschehens ausgeliefert, vielleicht dem Einfluss der Sterne oder dem blinden Schicksal irgendwelcher anderer Mächte.

Aber so ist es nicht!

Wir sind nicht ausgeliefert. -  Wir gehören vielmehr zu Gott, der uns dazu verführt, Gutes zu tun. Er schenkt uns, was vor ihm Bestand hat.


Liebe Gemeinde. Wenn wir die Aussage des Segenswortes im Hebräerbrief ganz ernst nehmen, dann schmilzt unser eigener Anteil am Geschehen des Guten in unserer Welt zu einem geringen Nichts zusammen.

Gott, so sagt es das Segenswort, er ist der Ursprung alles Guten, denn erst er schenkt uns die Fähigkeit, das Gute zu tun. Solche Fähigkeit gehört nicht zu uns wie zum Beispiel unsere Ohren oder unser Verstand. Sie wird vielmehr von Gott her immer wieder neu in uns erweckt. Solches Tun ist nicht erlernbar. Es gehört nicht zu unseren Erbanlagen. Wenn jemand das Gute tut, dann hat das den Charakter eines Wunders. Es entspringt aus ihm und zugleich aus einem ganz besonderen Tun Gottes.


Das Gute, liebe Gemeinde, das Gute, das in der Welt geschieht, ist vor allem Gott selbst zurechenbar. Wenn aber wir daran beteiligt sind, so ist es ein Tun Gottes  --  gleichsam durch uns hindurch, indem er uns dazu erst bevollmächtigt und befähigt.


Ist das wirklich so?

Ist es wirklich so, dass wir geradezu überflüssig, vielleicht sogar ein Hindernis sind, damit Gutes geschehen kann in unserer Welt.

Zu dieser Frage ist mir eine bemerkenswerte Erzählung begegnet, die ich Ihnen gerne weitergeben möchte. Die Erzählung verwendet das alte Bild von der Hölle und dabei denkt sie darüber nach, worin die Lebensaufgabe des Menschen besteht, wenn er doch selbständig zum Guten gar nicht fähig ist:


Eines Tages ist die Hölle überfüllt. Draußen vor der Tür wächst die Schlange derer, die Einlass begehren. Irgendwo muss man doch hin. Es gibt doch so etwas wie ein Recht auf einen Platz nach dem Tod.

In der Schlange ist Unruhe. "Kein Platz mehr? Das darf nicht sein!" Die Menge beginnt zu murren. Da öffnet sich die Tür. Der Oberteufel tritt heraus. Er sucht für den letzten freien Platz einen würdigen Kandidaten. Es ist schwerer als erwartet, Jeder in der Schlange hat so manches vorzuweisen. Kaum einer mit weißen Flecken in der Weste.

Schließlich sieht der Oberteufel einen, mit dem er noch nicht gesprochen hat. Der Mensch steht abseits. Für sich allein. "Was ist eigentlich mit ihnen?" so fragt der Oberteufel. "Ja, sie da - sie da im Abseits. Was haben sie getan?" - Der Mensch bleibt ruhig. Er blickt dem Oberteufel in die Augen. "Ich?", so fragt er. "Ich? Ich habe nichts getan. Ich bin ein guter Mensch. Relativ gut. Ich bin nur aus Versehen hier." -  "Aus Versehen" murmelt der Oberteufel. "So aus Versehen", sagt er dann laut. "Aber sie müssen doch etwas getan haben. Jeder Mensch stellt irgendetwas an!"

"Nein", entgegnet der Mensch, "nein, ich habe nichts getan. Ich habe viel Unrecht gesehen während meines Lebens, das schon, aber ich hielt mich fern davon. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, ich hörte davon, ich las es in den Zeitungen, aber ich selbst, ich beteiligte mich niemals daran.“  -  "Kinder haben gehungert", so fährt der Mensch fort in seiner Rede, "aber ich nahm niemandem sein Brot weg. Ich habe Schwache gesehen, ich sah wie sie niedergetrampelt wurden, die Arbeitslosen - aber ich habe mich am Bösen nie beteiligt. Gewiss, auch ich stand in Versuchung, aber ich tat nichts." Ungläubig schaut der Oberteufel den Menschen an. "Nichts, absolut nichts haben sie getan?" so fragt er. Und er fährt fort, als er diesen nicken sieht:  "… und sie haben das alles wirklich gesehen?"  "Ja", sagt der Mensch, "ich sah es direkt vor meiner eigenen Tür." "Und sie haben wirklich nichts getan?" fragt der Oberteufel noch ein letztes Mal ungläubig. Und als der Mensch erneut den Kopf schüttelt, da öffnet der Teufel die verschlossene Tür. "Komm herein, mein Kind", so sagt er. "Komm herein. Du bist in Wahrheit würdig, den letzten Platz in der Hölle einzunehmen." Als aber der Mensch eintritt, da drückt sich der Oberteufel eng an den Türpfosten. Mit diesem Menschen möchte sogar er nicht allzu gerne in Berührung kommen.


Liebe Gemeinde, ich hatte gefragt nach dem Anteil, den wir Menschen am Geschehen des Guten in unserer Welt haben. Ich hatte gefragt, ob Gott allein das Gute in die Welt hinein trägt und ob wir dabei überflüssig oder eventuell sogar hinderlich sind, so wie das der Segenspruch des Hebräerbriefs vermuten lässt.


Solch ein Mensch, von dem die Erzählung spricht,  ---  solch ein Mensch, der nichts tut, weder Gutes noch Böses, solch ein Mensch ist in der Tat ein Hindernis für Gott. Und damit ist bereits umschrieben, was wir dafür tun können, damit Gutes geschieht:

Wir können uns für Gott öffnen. Wir können unser Leben für Gott aufschließen, so dass er uns Augen schenkt für unsere Mitmenschen und Ohren für die Not in der Welt.

Das ist der Anfang.

Nicht dass wir damit schon das Gute tun würden, aber damit ist ein Anfang getan. – Solche Augen und solche Ohren machen uns bereit dafür, dass unsere Gleichgültigkeit und unsere private Zurückgezogenheit zerspringen.


Wie oft, liebe Gemeinde, sagen wir angesichts von Katastrophenmeldungen oder in der Konfrontation mit fremder Not: „Da kann ich nichts machen, hier sind meine Möglichkeiten zu beschränkt.“


Genau diese Haltung aber ist es, die Gott zerstören will und muss. Gott, liebe Gemeinde, legt uns nicht die Last auf, das Gute selbst zu verwirklichen. In der Tat, dazu sind wir gar nicht gerüstet. Gott erwartet, dass wir offen werden dafür, dass er durch uns hindurch das Gute Wirklichkeit werden lässt.

Darum geht es: Gott hat Möglichkeiten, von denen wir nichts ahnen. Er kann jeden von uns zu ganz Neuem befähigen. Er kann und will uns befähigen, das Gute zu tun. An uns aber ist es, hierfür bereit zu sein.


Das Nichtstun jedoch, die Resignation, das Zurückziehen auf uns selbst  --   das ist das wahrhaft Böse. Wer so lebt, der stiehlt Gott alle Chancen segnend in der Welt zugegen zu sein. Wer hingegen da ist, offen ist für seine Mitmenschen, bereit ist zum Einsatz  --   auch auf die Gefahr hin, dass manches falsch sein wird – solcher Mensch öffnet die Welt für Gott. Er gibt Gott die Chance segnend unter uns zugegen zu sein. Segnend, Leben spendend und Frieden bringend.

Amen.